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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 48 (sequence 48)
Language
German
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—ggaaBEB 48 Aus dem Leben der Schule. Shylock und Nathan (Kommissionsverlag Kauffmann) zunächst nachweist, daß Shakespeare jüdisches Volksleben nre vor Augen gesehen hat, und nun fortfährt: ״Der große Brite legte sich die Frage vor: Wie muß sich der Charakter eines Volkes gestalten, das die Schicksale erleidet* welche über das jüdische Volk dahingegangen, eines Volkes, gegen das unausgesetzt fast das Schwert der blutigen Verfolgung ge- Schwüngen wurde, eines Volkes, das ausgeschlossen war von den Hallen der Wissenschaft, dem die Welt all das geraubt hatte, was dem Menschen das Leben lebenswürdig macht, und dem nichts weiter geblieben war, als jenes einzige, traurige Privileg des Wuchers, ja, das durch die Gesetzgebung zu diesem Wucher fast noch mit Gewalt getrieben wurde? Mußte nicht diesem Volk, so? sagte sich Shakespeare, die Religion erstarren zu engherzigem Fanatismus? Mußte nicht selbst das Familienleben zurücktreten hin-׳ ter der Jagd nach dem einzigen Gut, das ihm auf der Welt ver׳ gönnt war, nach dem Gold, und vor dem Streben nach Rache, nach grausamer, blutiger Rache an denen, die es so geknechtet? Und wahrlich, wenn die Juden geworden wären, wie Shakespeare den Shylock gezeichnet hat, die W'elt, die uns in die Ghetti bannte, sie hätte kein Recht gehabt, uns anzuklagen, uns zu verurteilen/ Entspricht nun aber das Bild, das Shakespeare aufgestellt, der' Wahrheit? Nein und tausendmal nein, dürfen wir ausrufen, indem wir hinblicken auf die große Geschichte unseres Volkes. Die Tat- Sache widerlegt es, daß in den Annalen unseres Volkes unzählige Beweise von Verfolgungen sich finden, die gegen uns gerichtet sind,• während ׳unsere Gegner, trotz ihres eifrigsten Bemühens, auch nicht einen Fall des Fanatismus haben finden können, den Juden gegen Andersgläubige ausgeübt hätten. Und jene Aeußerung Shylocks bei der Flucht seiner Tochter, welcher jüdische Vater, welche jüdische Mutter empfände nicht, daß sie unwahr, daß sie* unmöglich ist? Aber wie kommt es denn, müssen wir uns fragen, daß Shakespeare, dieser größte Kenner des Menschenherzens, so irre gegangen ist in seinem Urteil über Juden und Judentum? Weil 'Shakespeare einen Faktor übersehen hat und übersehen mußte, der

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