Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Leben der Schule. 47 dings begreifen; manche Schilderungen Heines, auf die wir noch eingehen werden, lassen trotz aller Ironie erkennen, welche Reize auch das Judentum dem romantisch geschulten Blicke zu bieten vermag.9) Die Bereitschaft, von großen Dichtern zu lernen, bedeutet natürlich noch keine Kritiklosigkeit. Die Darstellung der Ansichten Goethes über Frauen und Ehe fordert z. B. von jedem Lehrer sittliehen Ernst und feinsten Takt, wenn nicht unsere Schüler entweder einer — Goethe selbst meilenfern liegenden — Frivolität oder philiströser Verständnislosigkeit verfallen sollen. Für den jüdischen Lehrer kommt die besonders schwierige Aufgabe hinzu, zu unfreundlichen Aeußerungen der Klassiker über Juden oder Judentum Stellung zu nehmen. Eine kurze Besprechung der Schillersehen ״Sendung Mosis“ ist freilich sehr lehrreich und einfach: Altägypten, das eben neuentdeckte, war in der Zeit der ״Zauberflöte“ das Modeland der Humanität, wie neuerdings Babel, und man versuchte damals wie heute mit Hilfe angeblicher Funde den ״Nimbus des auserwählten Volkes“, wie vor ein paar Jahren eine sehr bekannte Persönlichkeit sagte, etwas zu verringern. Wie wir uns mit Lessings Kritik am jüdischen ״Stolz“ auseinanderzusetzen haben, versuchte ich Jeschurun I 291 ff. zu zeigen. Einen Blick möchte ich noch auf das furchtbarste Bild werfen, das wohl je die Hand eines echten Dichters von einem Juden entworfen hat: das des Shylock in Shakespeares ״Kaufmann von Venedig“. Je schwieriger und wichtiger hier die Aufgabe einer unser jüdisches Empfinden befriedigenden Stellungnahme erscheint, um so lieber ist es mir, einem Verklärten das Wort überlassen zu dürfen: meinem seligen Vater, der in einem 1886 gedruckten Vortrag über 9) Auch das Bestreben, die Etymologie systematisch für die Erkenntnis des Lehrinhalts des Judentums zu verwerten, ist (im Gegensatz zu gelegentlichem Eingehen auf die Wortableitung in der Bibel und im Talmud) nicht von Hause aus jüdisch, sondern im Altertum, bei Philo, unter stoischem Einfluß erwachsen, in der Neuzeit unter dem der Romantik. Ableitungen wie diejenigen der Romantiker, die 1 e f o y e r mit 1 a f o i zusammenbringen, weil der häusliche Herd vom Glanben her seine Wärme erhalte, oder die Deutschen als das Volk der Deutenden hinstellen, sind genau von derselben Art. wie gewisse Ableitungen hebräischer Wörter, die ich ganz gern auf der Kanzel höre, solange Redner und Hörer sie nicht wissenschaftlich für richtiger halten, als die beiden oben genannten es sind.