Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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46 Aus dem Leben der Schule. der Geschichtserklärung) gewiß zu denken; aber er zeigt uns auch, daß das Prinzip nicht übertrieben werden darf, sowohl durch sein Eintreten für die Forderung der Humanität, als vor allem dadurch, daß dieser Germane einer der begeistertsten und verständnisvollsten Künder der Schönheit der Bibel und ihrer Sprache gewesen ist. Natürlich werden wir auch über die Grenzen ästhetischer Bibelbetrachtung zu unseren Schülern zu sprechen und ihnen klarzumachen haben, daß niemand höher steht, als der schlichte, von allen Theorien unberührte Bibelleser, dem die Psalmen zur Schwinge seiner Andacht und zur Quelle seiner Erhebung in Freud und Leid geworden sind; aber allerdings höher als der trockene Philologe oder der mystische Gesundbeter steht uns der feinfühlige Nachempfind'er natürlicher Schönheit, der die Innigkeit des religiösen Gefühls und den Liebreiz der dichterischen Form der Psalmen mitzufühlen und zu verkünden verstanden hat. Am meisten aber kann uns vielleicht die Romantik lehren. Im Gegensatz zum Klassizismus schätzt sie das Gefühlsmäßige, Ahnungsvolle, Wunderbare (insofern ist die ״Jungfrau von Orleans“ eine romantische Tragödie), ehrt sie die naiv-religiöse Demut und die liebende Hingebung an geschichtlich Gegebenes, wertet sie mehr noch als die abstrakten Grundgedanken der Religionen die bunte Fülle künstlerischer Formen,8) die symbolische Sprache des Ritus. So hat Chateaubriand den ״Geist des Christentums“ in den Formen der katholischen Kirche aufgewiesen; und schon vorher hatte Schiller in seinem Mortimer gezeigt, daß auf künstlerisch begabte Naturen die Schönheit kirchlicher Formen anziehend, kahle Verständigkeit abstoßend wirken kann. Vor einseitiger Teilnähme für die Romantik sind wir Juden gewiß geschützt; ihre wissenschaftsfeindliche Tendenz kann schwerlich auf uns Einfluß üben, und wir suchen den Sinn religiöser Formen nicht in ihrer künstlerischen Pracht, sondern in ihrer schlichten Bedeutsamkeit. Aber die Wirksamkeit der Formen als solche, der unmittelbar an die Sinne sich drängenden Symbole hilft uns die Romantik aller- 8) Wir weisen natürlich darauf hin, daß die Romantik überhaupt die künstlerische Bedeutung־ des Farbigen erst erkannt, das Auge gleichsam ans Farbensehen gewöhnt hat. Die herrlichen Naturschilderungen des Werther dagegen verwenden bekanntlich Farbengegensätze überhaupt noch nicht.