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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 42 (sequence 42)
Language
German
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42 Aus dem Leben der Schule. Ein Frankfurter Pfarrer erklärte mir, es seien schon viele Juden zu ihm gekommen, um sich aus Ueberzeugung taufen zu lassen, Auf meine Frage, aus welcher Ueberzeugung, lauitete die , Antwort, aus der Ueberzeugung, daß sie nur als Christen an der deutsehen Kultur vollen Anteil nehmen könnten; ich werde doch wohl nicht leugnen, daß Goethe Christ gewesen sei. Das leugnete ich nun freilich ganz entschieden. Nicht als Christen, sondern als Heiden hat sich Goethe bezeichnet, manch״ mal sogar mit verletzender Schärfe. Was ihm widerstrebte, war das Dogmatische und Asketische am Christentum, keineswegs aber der Grundstock sittlich religiöser Lebensanschauung, den die Tochterreligion von der Mutter übernommen hat. Vielmehr hat sich Goethe dem Einfluß dieser gemeinbiblischen Anschauungen willig und dankbar ergeben; sein Wort, daß er seine sittliche Bildüng der Bibel verdanke, ist daher voll berechtigt, berechtigter sogar, als er selbst nach dem damaligen Stande der Forschungen über Griechentum und Judentum wissen konnte. Dem Humanitätsideal der Griechen fehlt auch in der edelsten Ausprägung, die es in ganz wenigen seiner Besten gewonnen hat, der Glaube an den endlichen Sieg des Guten, der jeden Einzelnen zum hoffnungs-' freudigen Mitstreiter für die messianische Zukunft der Menschheit macht. Die Zuversicht, daß ״der Tag dem Edeln endlich komme*‘, ist nicht heidnisch, sondern prophetisch und hat den Glauben an einen gerechten und gütigen Lenker des Menschheitsgeschehens' zur notwendigen Voraussetzung. Diese Zuversicht hat sich auch das Christentum — wenn auch nicht von Haus aus — zu eigen gemacht; wir Juden, ihre ersten Bekenner, sind heute nicht mehr ihre einzigen, und wir freuen uns jeden Mitbekenners. Nicht obwohl wir Juden sind, sondern weil wir es sind, grüßen wir das herrliche Gewebe aus dem Morgenduft der Phantasie und dem Sonnenstrahl prophetischer Wahrheit, das Deutschlands Dichter jedem dargeboten haben, ״dem des Lebens Quelle durch den Busen rein und ungehindert fließt“. Unsere Betrachtung3) wird sich ohne jede Engherzigkeit auf 3) Es versteht sich von selbst, daß die Erklärung unserer Kunstwerke in allererster Linie auf die Erschließung ihres ästhetischen Wertesausgehen wird, von der in diesem Zusammenhang natürlich nicht die Rede zu sein braucht״־

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