Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Leben der Schule. 41 In diese Wunde des konfessionellen Vorurteils träufeln nun aber Männer, wie der in Oberlehrerkreisen so gern gelesene H. St. Chamberlain in seinem zweifellos geistvollen, aber von engherzigster Voreingenommenheit erfüllten Qoethewerk das furchtbare Gift des Rassendünkels, dem nur der Germane als der Vollmensch erscheint; und der Ingrimm ihrer Gesinnungsgenossen, durch die Wut über die ״sozialistisch-semitische“ Revolution mächtig entfacht, benutzt die Werke unserer Klassiker, um von eben jener Humanität, die sie gepredigt, hinwegzuführen zu dem beschränkien Glauben, nur der Christ, nur der Germane dürfe sich deu׳t~ scher Kultur freuen, Deutschlands Geisteshelden aus vollem Herzen zustimmen. Solche Anschauungen bleiben selten ohne Eindruck, mögen sie mit rücksichtsloser Wucht hervorbrechen, oder, gebändigt durch Taktgefühl und äußere Rücksichten, sich nur mit verhaltenem Ingrimm geltend machen. Wohl gibt es Schüler, die im eigenen Haus oder bei einer nahestehenden Persönlichkeit eine lebendige;Synthese jüdischer und Goethescher Humanität vor sich sehen, die besser als jeder Unterricht das Vorurteil Lügen straft. Aber der größte Teil der jungen Leute wird dazu neigen, dem Lehrer zuzustimmen, der sie vor die Alternative zwischen jüdischer und deutscher Kultur stellt; die Jugend neigt ja wohl überhaupt eher zum scharfen Entweder — Oder, als zum versöhnlichen Sowohl —י Als auch. So sehen wir denn manche unserer Primaner und Studenten, die fest in ihrem Judentum wurzeln, der deutschen Kultur den Rücken kehren, sich in ein Gefühl völligen Fremdseins, womöglich eines ״großen Hassens“ hineinreden, (das man dann mit den Waffen eben dieser deutschen Kultur zu verfechten sucht): der weitaus größere Teil folgt dem Werturteil des Lehrers einen;Schritt weiter und sagt sich vom Judentum los, um Goethe und .Schiller folgen zu können. Und diese Loslösung is׳t nicht immer eine bloß innerliche, wie sie leider bei Tausenden unserer — sagen wir Glaubens- oder Unglaubensgenossen? — stattgeifunden hat. Irrtümer kommen wir zurück. Keiner von ihnen würde aber das christliche £der gar die germanische Abstammung als Grundlage für das volle Verständnis seiner Werke gefordert haben.