Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Moralunterricht und Religion. 27 Pflichtenethik, insbesondere hinsichtlich der Erfüllung' der Pflichten gegen unsre Nebenmenschen und ihrer Eignung zur Erreichung pädagogischer Volksideale aus solchem Munde zur Kenntnis zu nehmen. Nach diesen Ausführungen hätten wir Juden von der modernen Moralpädagogik in bezug auf Inhalt und Stoff keine neunenswerte Bereicherung zu erwarten. Dennoch aber scheint es uns nicht ohne Wert, uns mit diesem Zweige der modernen Pädagogik vertraut zu machen, schon um die Methode für die Art der Belehrung in der jüdischen Ethik kennen zu lernen. Insbesondere England kann uns hier einen Weg weisen. In England haben auch die Radikalsten die Unentbehrlichkeit der Bibel und des Reli- «giösen erkannt und den Moralunterricht demgemäß eingerichtet. Sie sehen ein, daß eine Ethik ohne religiöse Verinnerlichung zur Auflösung und willkürlichen Auslegung dieser Ethik führt und leicht den krassen Materialismus und Hedonismus fördert und in sattes Behagen und flaches Wohlleben des Pfahlbürgers ausartet. Es gibt eben noch keine Sittenlehre so allgemeinen Charakters, wie sie die Begründer der Morallehre voraussetzen. Ist nun aber die Morallehre der Ergänzung der Bibel dringend bedürftig, so kann anderseits der jüdische Religionsunterricht der Methodik des Moral Unterrichts nicht ganz entraten. Auch die traditionstreuen Juden könnten von ihm lernen, wie man die Goldbarren des jüdischen Bibel- und Talmudschatzes in Goldkörner für die Pädagogik der Jugend um wandelt. Wenn auch in vielen jüdischen Häusern das lebendige Beispiel viel bewirkt, so ist doch nicht zu leugnen, daß meistens sehr viel zur Weckung des Intellekts, doch sehr wenig zur Weckung und Stärkung des moralischen Sinnes in der Familie getan wird. Der Verstand wird geschärft, Gemüt und Phantasie gehen oft arm aus. Hier erwächst der jüdischen Schule eine hervorragende Aufgabe. Die Schule muß zeigen, welch hohes Ethos sich in fast allen Lebensbildern der Bibel offenbart, sie soll dem Schüler vorgeschrittenen Alters, der seine Bibel stofflich beherrscht, durch Vorführung man-