Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Moralunterricht und Religion. 25 zu Gebote stehen würden. Noch gibt es innerhalb des Judentums .auch im liberalsten Flügel keine so radikale Richtung, die auf den unvergleichlichen Moralgehalt des jüdischen Schrifttums einer allgemeinen Sittenlehre zuliebe verzichten wollte. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter; wir behaupten: der jüdische Schüler, der ein wahrhaft jüdisches Leben erlebt, der den Ewigkeitsgehalt tiefster verheißungsvollster, weltumspannender jüdischer Symboiik und jüdischen Pflichtlebens an sich und um sich zur Tat werden sieht, der hat schon eine praktisch-moralische Schulung durchgemacht, die jede noch so klassische Moraltheorie und Moralpädagogik in den Schatten stellt. Ein konkretes Beispiel eines in frommer Pflichterfüllung durchgeführten Lebens eines Lehrers, Rabbis oder sonstigen Weisen in Israel kann in jüdischen Kreisen dem empfängliehen Kindesgemüte sich besser, verbindlicher einprägen als hundert Lehrstunden der Ethik; und dieser Fall der lebendigen Bei- -spielnahme ist bei jüdischen Kindern, an kleinen Orten noch öfter als in großen Gemeinden, fast eine Regel zu nennen. Manchmal ist es der Vater, Großvater oder weiterer Verwandter, der die Tradition in ganzen Geschlechtern oder Generationsreihen wacherhält.1) Der enge Familienzusammenschluß, die jüdischen Feiern bieten in ihrer Vielseitigkeit dem jüdischen Kinde eine unvergleichliehe Fülle seelischer Ruhepunkte und Erhebungen. Die Pflichtgeböte der Feierlichkeiten, der sozialen Wohltätigkeit, Pietät׳, der Lehr- und Lerntätigkeit, Gastfreundschaft usw. können, wenn riehtig gelehrt und vorgelebt, zu ebensovielen Hilfsmitteln und Hilfskräften zur Weckung ethischer Gesinn u n g gemacht werden in einem Maße, wie sie kein modernes Voik seinen Stammesangehörigen zu bieten vermag. Dies hier näher auszuführen, dafür ist an dieser Stelle und für Leser dieser Zeitschrift wirklich nicht der Ort. (Vergl. auch des Herausgebers leider noch unvollendete Artikelserie: Die Halacha und die Herzenspflichten, Jeschurun I, Heft 6.) 1) Auf Traditiou von Vater und Sohn beruht das Gebäude des Judentums, vgl. die bedeutsamen Worte von ברית אבות und י זכות אבות und die schönen Ausführungen dazu bei Giidemann, Apologetik, p. 164 u. p. 172 sowie die eingehende Abhandlung über זכות אבות von Wohlgemuth in Festschrift px Carlebach’s 40jährigem Amtsjubiläum.