Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Moralunterricht und Religion. Es gibt eben keine größere Gemeinschaft gleichgesinnter Tugend- und Geistes-Athleten. (Der ״Tugendvirtuose“ war das Ziel der Shaftesbury-Schule.) Diese Bindung für eine Allgemeinheit kann nur ein göttliches, mit dem Anspruch auf Transcendenz auftretendes Gesetz zuwege bringen. Auch Kants kategorischer Imperativ kann nur als ein für Elitemenschen geschriebenes Idealgesetz, nicht aber als wirklicher Maßstab für eine Allgemeinheit der menschlichen Ge- Seilschaft jemals angesehen werden. Und selbst Kant, der Neu- Schöpfer und höchstgestimmte Geist der neueren Ethik, findet den stärksten Beweisgrund für die Existenz Gottes, indem er etwa so argumentiert: Ohne die Annahme eines höchsten Weltwesens wäre das . Sittengesetz bei der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur zu dauernder Ohnmacht verurteilt; nur die Gottheit vermöge einen Ausgleich zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen den Unzuträglichkeiten der von Leidenschaften, Sinnlichkeit und Weltelend zerklüfteten Menschheit und ihrer untilgbaren Sehnsucht nach Vollkommenheit zu schaffen. DieE x i s t e n z Gottes sei daher ein ebenso apriorisch bestehendes Postulat, wie das Bestehen des Sitten gesetzes. Doch diese Erwägungen führen schon weitab in das Gebiet der praktischen exakten Philosophie. II. Der Moralunterrfcht in Amerika und England. Wesentlich kürzer fassen können wir uns an dieser Stelle in der Darstellung der Morallehre, wie sie in den Vereinigten Staaten schon seit Jahrzehnten angestrebt und teilweise in die Praxis umgesetzt ist. Was diese Morallehre ihrer Methodik nach von der in Frankreich geübten in erster Reihe unterscheidet, sind zwei Merkmale. Zum ersten baut sie sich nicht wie in Frankreich ausschließlich auf dem Prinzip des Nutzens auf, ist also nicht utilitaristischen Charakters, ist vertiefter und appelliert mehr an die seelischen Kräfte des Kindes. Zweitens sucht sie dem Schüler nicht durch Regeln und Unterscheidungen theoretischer Art sondern mehr auf pädagogischem und empirischen Wege durch Beispiele und praktische