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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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Moralunterricht und Religion. 21 Christen mit tausend Fäden durch alle Lagen des Lebens begleiten — hier in dieser eisig kühlen Moralhalle — suchen wir sie vergebens. Ein weiterer Qrundirrtum dieser Moralkunst ist u. E., daß sie von dem Axiom ausgeht, die Tugend sei etwas Lehr- und Erlernbares, wie die äußeren Eigenschaften der Reinlichkeit, wie die Gesetze der Zivilisation, derselbe Fehler übrigens, den auch die griechischen Sokratiker und später die englischen Moralphilosophen (Shaftesbury) in ihrer Lehre begingen. Sie tun, als ob dem Menschen der Sinn und die Unterscheidungsgabe für Recht und Unrecht, Gut und Böse angeboren wäre und es nur Aufgabe der Uebung sei, diese Anlage zur richtigen Entfaltung zu bringen. Sie tüfteln ein System zurecht von hoher Tugendhaftigkeit und guter Gesinnung. Die Eltern soll man ehren und lieben, denn ״wir verdanken unsren Eltern alles, für uns leben sie, an uns denken sie unaufhörlich“ (so Mabilleau in seiner Morallehre). Wie nun aber, wenn das Kind im Elternhause es anders vor sich sieht? Wie, wenn die Liebe und Opferbereitschaft nicht oberster Grundsatz des Hauses gewesen? Wer schützt das Kind vor dem Zweifel dieser do-ut des-Morallehre? Wie, so fragen wir weiter, wenn die sinnlichen Antriebe und Leidenschaften im Menschen sich zu regen und aufzulehnen beginnen in Form von Egoismus, Sinnenlust, Neid usw. Wer wird ihnen da Halt bieten? Von diesen dunklen Seiten der Menschennatur, vom Kampf mit dem Sündentrieb von Reue, Buße, Einkehr und Besserungskraft, den tiefsten und besten Seelenkräften im Menschen, ist in diesem ״System“ mit keinem Worte die Rede. Diese menschlich geschaffenen selbstherrlichen Sitten!ehren kranken ebenso wie alle diese ״Gesellschaften für ethische Kultur“ (Gizycki, Egidy) an dem Grundübel, daß sie leider nur eine Sittenlehre für eine Elite g e i - stig und moralisch bereits hochstehender Menschen schaffen, keineswegs aber zum Maßstab für die Allgemeinheit, für irrende und kämpfende Menschenklassen abgeben können, es sind Gesetze, selbstgegebene Dogmen, die von der Willkür und Zeitstimmung eklektisch als das Wesentliche herausgeschält, aber nicht als visionär Geschautes, vom Atemhauch der Ewigkeit und Geschichtlichkeit das Letzte im Menschen fordern.

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