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Jeschurun · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November 1919) · p. Seite 625

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 625 (sequence 127)
Language
German
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Eine Bahnfahrt. 625 Ihr im Arm ruht ein Säugling, der sich erst gut ausgeschrien, dann geweint hat und nun eingeschlafen ist. Noch glänzen die Tränen auf den fahlen Bäckchen, in denen kein Tropfen Blut schimmert. Schwer und schwach nur kommen die Atemzüge aus dem offenen Mäulchen. An meiner Seite sitzt der Mann dieser Frau. Ein hoher, dürrer Jude mit eingebogenem Nacken, krummer Hakennase und einem kleinen schütteren Bärtchen. Aus seinen Augen schaut Trauer, und auf den Lippen schwebt ein bitteres Lächeln. Hechts vom Vater sitzt seine älteste, schon heiratsfähige Tochter, ein versonnenes, trauriges, leidendes Mädchen, und noch zwei etwas jüngere Geschwister. Ich gestehe, anfangs habe ich meine Nachbarschaft verwünscht, als ob sie mir mein Recht geschmälert hätten; und wirklich, sie haben mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich habe im Herzen verwünscht mein bitteres Masel, das mich in Gemeinschaft gebracht hat mit einer solchen ganz undefinierbaren Gesellschaft. Aber wie ich sie mir erst näher angesehen habe, hat sich mir das Herz umgedreht, ich mußte ganz anders — zu ihrem Vorteil anders — von ihnen denken. Die Kleidung — kaum so zu nennen — die Gestalten, die Gesichter, schwarz wie die Erde, haben deutlich bewiesen, daß es Unglückliche sein müssen, die in ihrem Leben schon genug überstanden haben. Das Herz hat sich mir verzogen vor Mitleid mit ihnen. Das ununterbrochene Seufzen der Mutter, die stete Ermahnung des Vaters an die älteren Kinder, mich nicht zu drücken und zu stoßen, haben mich mitgenommen, ich weiß nicht zu sagen, wie sehr. Und mehr noch als alle dauerte mich der Säugling, der da kraftlos schlummerte, die Lippen blutleer, fast ohne Atem die schwache junge Brust, nachdem er sich nun auf der Mutter Armen sattgeschrien hat. — Alles zusammen war genug, um mir eine Vorstellung zu machen von dem bitteren, schweren Leben dieser Familie. Noch an Tausende solcher unglücklicher trauriger Familien mußte ich denken, die ständig Hunger leiden, von Sorgen erdrückt sind, ihr Päckchen Zoraus tragen mit niedergebeugtem Kopf, und .mein Herz hat bitter um ihr Los geweint. Nebbich.

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