Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 624 (sequence 126)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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624 Eine Bahn fahrt. fröhlicher. Gott Lob, es ist erreicht, man fährt schon. Man fängt an, sich seine Nachbarn anzusehen, auszufragen. ״Von wannen is a Jid? "Wohin fährt man?״ Dieses, jenes und ähnliches, wie es so bei Juden üblich ist. Fremde werden Verwandte, Ferne werden Nahestehende, Unbekannte miteinander bekannt. Man ruft sich mit Namen, als wäre man schon lange bekannt. Chajim öffnet sein Ränzel, holt Schnaps heraus, nimmt einen Schluck und ist Schmul mechabed, Schmul wieder holt aus seinem Sack hervor Brot, Zwiebel und scheor jerokaus und bietet Chajim davon an; es wird lajehudim lebendig, fröhlich. Schmerl übergibt Anschel Geld, er soll sich bemühen und es seinem mechuton in seinem Städtchen abgeben, und Buben übersendet durch Simon Briefe und Rechnungen an Levi, den Krämer, der ganze Waggon ist ein Marktplatz, ein Jahrmarkt geworden. Die Kinder Jisroel machen miteinander Geschäfte, beschäftigen sich mit der Parnossoh. Alle reden, schreien durcheinander, es gärt und kocht wie in einem Kessel. Auch mir ist der Appetit zum Geschäft gekommen, ich wollte meine Pakete mit Seforim aufbinden, vielleicht könnte ich hier was lösen. Leider waren die Pakete so verlegt durch andere, daß es ganz unmöglich gewesen wäre, sie hervorzuholen. Dazu habe ich mich ab״ geschleppt, dazu Bäche Schweiß geflossen, und nun — gar nichts. In all den Zoraus, noch verstärkt durch das Sitzen auf der scharfen Bankkante, habe ich angefangen, meine Nachbarschaft näher zu betrachten. Mir gegenüber auf einem großen Kissen, von dem die Federn fliegen, sitzt betrübt eine Jüdin, ausgedorrt, Haut und Knochen, dünne Nase, tiefliegende Augen mit schweren Ringen, vertrocknete Lippen und ein Gesicht, bleich, ausgesaugt und faltig wie ein gebratener Apfel. Vom Einsteigen an haben die Kinder ihr keine Minute Ruhe gelassen. Sie löchern ihr den Kopf mit ihren Fragen, mit ihrem Streit, ihren Angebereien eins auf das andere. Drei kleinere Kinder tauschen alle Augenblicke den Platz, das herauf auf die Bank, das herunter, und dabei stoßen sie die Mutter, quetschen sie in die Seiten, reiben sich an ihr herum.