Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 623 (sequence 125)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ein© Bahnfahrt. 623 Willst du, gut, so sitze in Zoraus, lasse dich, peinigen — willst du nicht, willst ein bischen aulom hase genießen? steige ab, wer hindert dich daran? Geh zu Fuß, die ganze Welt liegt ja frei vor dir. Ja, die freie Wahl zu tun und zu lassen, was man will, sie allein läßt die Unbequemlichkeiten gar nicht so stark fühlen. Anders auf der Bahn. Da habe ich nichts zu sagen, nicht mein Wollen gilt, ich bin verraten und verkauft an die ״messingen Knöpfe“ (Beamtenuniform). Dem Kondukteur bin ich verfallen mit Leib und Leben, mit Hack und Pack. Wie im Gefängnis fühle ich mich, unmöglich, mich aus der Enge zu befreien auch nur für einen Augenblick. Und das gleiche bezüglich des Schwitzens. Es ist nicht dasselbe, ob man aus gutem Willen schwitzt, oder ob man schwitzt, weil man schwitzen muß. Noch ein großer Unterschied! Der Wagen ist wie eine kleine Kolonie gezählter Menschen, die unterwegs wie zu einer Familie zusammenschmelzen. Man fährt langsam, langsam, nicht geeilt — wajehi erew, wajehi bauker — es wird Abend, es wird Morgen, ein Tag, zwei Tage, auch drei Tage und mehr. Die Zeit reicht aus, Umschau zu halten, zu betrachten alles, was der Weg bietet. Wie ein blauer Vorhang ist der Himmel über die Häupter gespannt, wie ein schönes Panorama breiten sich Feld und Wiese vor den Augen. Es kommt auch mal vor, daß der Wagen kippt, man fällt in einen Graben; auch das ist auszuhalten. Die Erde nimmt ihre Kinder wie eine getreue Mutter auf in ihren Schoß, man liegt, streckt die Glieder, ruht und steht wieder auf. Die Bahn dagegen ist wie eine ins BoUen geratene große Stadt mit all ihrem Tumult und Geruder, mit ihren Klassenunterschieden, mit ihrer Kinnoh und Ssinnoh, mit ihrer Konkurrenz, mit ihrem ewigen Kampf. Man durcheilt, durchfliegt eine Welt, sieht kaum etwas von der schönen Natur, kennt nicht die Orte, durch die man fährt, weiß nichts von dem, was dort vorgeht. Der Memunoh von den tekiauss hat tekioh gedauloh hören lassen, d. h. ein Klingelzeichen gegeben. Der Zug setzt sich in Bewegung. Alle Gesichter hellen sich auf, werden