Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 619 (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Tel sehe. 619 woran es der jungen weiblichen Generation hier zu Lande, der vielfach ihre Kleidung eine der wichtigsten Angelegenheiten darstellt, fehlt. Trotz aller schwerer Entbehrungen, welche die durch die Kriegsverhaltnisse erschwerte materielle Lage bedingt, herrscht in der Jeschiwa wahre Freude und Hingebung; die Jeschiwa ist jedem einzelnen eine heilige Sache. Es war ein ergreifender Moment für mich, als ich am Morgen die große Halle der Anstalt betrat, in der etwa 90 Schüler des verschiedensten Alters ihren Sehiur Baba Kama lernten. Dem Wunsche des Meisters, einige Worte der Aneiferung zu den Schülern zu sprechen, folgend, sagte ich diesen, wie gerade wir deutsche Juden, die wir hierher kämen, die Eigenart dieser Verhältnisse zu schätzen wüßten, wie die russische Judenheit in der neuen Zeit, der sie sicher entgegengehe, Kern und Ur־ grund ihres Wesens nicht aufgeben dürfe, und dazu gehöre die Jeschiwa, deren Wesen doch eben darin bestehe, jüdisches Wissen zu verbreiten in so vielen jungen Menschen, die nun als Träger dieses Geistes, als Rabbiner oder auch als Kaufleute, diesen Samen weiter streuten. Mit einigen der jungen Leute, klugen, denkenden Köpfen, unterhielt ich mich noch lange in angeregtem Gespräch. Von der Bedeutung der Verbindung zwischen Ost und West sprachen sie; wie das Ostjudentum so manches vom Westen zu lernen habe, wie aber auch der Westen so manches vom Osten wieder empfangen müsse, das in der Zeit der Assimilation verloren gegangen sei. Es war eine Fülle von Gedanken und Anregungen, die hier gegeben wurde. Als an einem kalten Wintermorgen der Wagen mich aus dem Städtchen herausführte, wurde mir der letzte Gruß gebracht von einem der angesehensten Kaufleute des Ortes, der lange Jahre hindurch Schüler der Jeschiwa gewesen war; es war wie ein Symbol, wie das passende Schlußbild für den kurzen, aber inhaltsreichen Besuch des Städtchens, der selbst in dem kaleidoskopartigen Erleben der Tage dauernden Eindruck zu hinterlassen geeignet ist. Der Wagen rollt weiter hinaus in die Ebene, aber lange noch bleiben die Gedanken zurück: wie wird die neu einsetzende Entwicklung hier einwirken? Dürfen