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Jeschurun · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November 1919) · p. Seite 618

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 618 (sequence 120)
Language
German
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618 Telsche. und Söhne Lamdonim sind, ist selbstverständlich; aber eine Rabbinersfrau, die Bibel und Midrasch nach Meisterart zitiert, wie es manchem deutschen Rabbiner zur Ehre gereichen würde, dürfte selbst auf dem Boden des russischen Judentums eine ungewöhnliche Erscheinung darstellen. Die Psalmen kann sie fast auswendig, und die Sprüche, ihr besonderes Lieblingsbuch, lernt sie eben; zwar will das Gedächtnis nicht mehr so recht arbeiten, erzählt mir die im besten Alter stehende Frau mit rührender Schlichtheit. Die Proben des schlechten Gedächtnisses erwecken indes in mir einengewissen Neid. Sie hat sich einst kurz vor ihrer Brautzeit ins Cheder gesetzt und dort mit den Knaben ganz T’nach gelernt, und die jung verheiratete Tochter holt bei der Erklärung eines Psalmwortes, das bei Tisch besprochen wird, schnell eine Übersetzung — der Sinnerklärung wegen — und zeigt eine bei unseren Damen ganz ungewohnte Kennerschaft. Dabei sinds gute Hausfrauen, mit denen wir plaudern, wovon das mit echt jüdischer Gastfreundlichkeit gebotene Mahl beredtes Zeugnis ablegt. Während einer kleinen Gesprächspause sende ich meine Gedanken in die Heimat hinüber und ziehe Vergleiche, bis die Stimme des Hausherrn mich aus dem, in diesem Falle gar nicht angenehmen Träumen weckt. Dem Geiste des Leiters entspricht die Anstalt. Die Jugend, die sich hier zusammenschart, ist erfüllt von heiligem Idealismus, der aber durchaus nicht weitenfremd ist. Die Jeschiwa wird ganz demokratisch von einem selbst gewählten Waad verwaltet, und die Bachurim greifen tatkräftig in die Verhältnisse der Gemeinde ein. Sie haben eine Volksküche eingerichtet, einen ganz naeh modernen Begriffen geordneten Cheder geschaffen und gleichzeitig Abendkurse für junge Mädchen eingerichtet. Es war ein ganz eigenartiger Anblick, als in der späten Abendstunde bei schlechtem Licht 30 bis 40 junge Mädchen — fast alle echte jüdische Rassenköpfe — den Worten des jungen Bachurs lauschten, der ihnen in heiliger Begeisterung die Geschichte unseres Volkes kündet. Man lernt dort auch T’nach und hebräische Sprache. So haben es diese jungen Leute richtig herausgefühlt,

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