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Jeschurun · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November 1919) · p. Seite 608

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 608 (sequence 110)
Language
German
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608 Eine jüdische Dichterin. Klagen“. Ist das richtig? Der Eingang der Erzählung berichtet, ״daß Pharao eine Grube im Flusse habe hemehten lassen“. Kann man sich da wundem, daß das bloße Versiegen des Flusses noch nicht hinreicht, um die sorgsam versteckte Stelle mitten im Flusse finden zu lassen? Und wenn Israel nun, nachdem der Fluß ausgetrocknet war, ,wiederum ״zu Gott seufzt״, — es ist zu beachten, daß gerade jetzt die früher gebrauchte Wendung ״sie zerrissen ihre Kleider und weinten bitterlieh״ nicht wiederkehrt —, so wird ausdrücklich hinzugefügt, Israel habe dies dämm getan, ״daß Gott ihrer Sünden wegen Jo. sephs Gebeine versteckt habe, und jetzt möge er sie doch aus der Sklaverei befreien״. Es wird also damit nur dem vorgegriffen, was sofort folgt, daß nun endlich der Leichnam gefunden wird, und die Stunde der Befreiung naht. Israel ist aber begreiflicher Weise doppelt verzweifelt, weil es glauben mochte, jetzt seine Sehnsucht erfüllt zu sehen, nachdem der Fluß ״aufgedeckt worden war“ und so jede Stelle in Ägypten zugänglich wurde, wo der teure Leichnam sich noch hätte finden können. Wird dies alles in irgend welche neue Beleuchtung durch den Umstand gerückt, daß die Ägypter ein Trauerfest um den dahinschwindenden Osiris um die Zeit feierten, da das Sinken des Nil allen sichtbar wird, oder damit, daß die Zeit dieser Feier dadurch festgelegt ist, daß Osiris nach Plutarch a. a. O. Kap. 39 im Monat Atyr verschwunden sein soll? Hatte menschliche Kraft vollkommen versagt, und war es auch nach dem Versiegen des Flusses nicht möglich, der Bahre habhaft zu werden, so greift nunmehr der Engel Michael ein und sagt dem Moses, er solle zum Flusse gehen und mit seinem Stabe darauf schlagen, damit sich ihm ein verborgener Schatz offenbare. ״Moses tat also, und sofort erschien der Kasten, in dem Joseph lag, und kam aufs Trockene“. Man sieht, der Schluß hält sich wieder mehr an die Vorlage: daß der Fluß inzwischen ausgetrocknet ist, scheint fast vergessen zu sein. Eine jüdische Dichterin. Von Dr. Armin Blau, Hamburg. Es gibt keine subjektivere Gattung der Poesie als die Lyrik. Insbesondere die kurze Gedichtform eignet sich vorzüglich zur Wiedergabe von Bekenntnissen, leidenschaftlich bewegten Stimmungen oder dämmerhaft weichen Natureindrücken. Darum hat auch fast jeder Dichter in seinen Sturm- und Drangjahren zuerst in lyrischen Gedichten sich entladen.

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