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Jeschurun · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November 1919) · p. Seite 609

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 609 (sequence 111)
Language
German
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Ein• Indische Dichterin. 609 Das lyrische Gedieht ist so bequem der äußeren Form nach, der Aufbau ist verhältnismäßig einfach, die künstlerische Faktur scheinbar mühelos und nur an einige leicht ablauschbare Gesetze gebunden; daher der endlose, spielerische Dilettantismus gerade auf diesem Gebiete in den Kreisen nichtstuerischer Bildungsaristokratie, daher die zahllosen Heine-Epigonen in den Kreisen, die ״es dazu haben״. Die notwendigen Ingredienzien dazu: Viel Sentiment, ein wenig Rhythmus und Technik, etwas erlebte Stimmung, dies alles in altbewährte, abgegriffen• Reime gegossen, und das Heine-Präparat ist fertig. Gerade in unseren Kreisen, den sogenannten ״gutsituierten״, sind solche hausgemachten Kunstdestillate nicht selten. Ganz abseits von der endlosen Schar dilettantisch vor* nehmer Hauslyriker tritt uns Gertrud Marx als selbstständig• Lyrikerin in ihrer letzten Sammlung ״Jüdische Gedichteי״) entgegen. Gertrud Marx ist ein Typus für sich unter all den jüdischen Poeten, die in deutscher Sprache bisher jüdische Stoffe besungen. Was die Heller, Sachs, Philippson, Sulzbach u. a. bieten, sind selten mehr als gereimte, dichterisch verklärte Begebenheiten und Gedanken aus der Welt der Bibd und Haggada, kaum aber selbsterlebte Stimmungen oder glutentfachte Bekenntnisse von innen heraus. Diese Poesien haben mehr historisches, sozusagen arehivalisehes Interesse, nirgends sind diese Gedichte Spiegelungen der eigenen Seelenverfassung. Gertrud Marx will mehr, sie will in dieser Gedichtsammlung ein Bekenntnisbuch schaffen, eine ganze Seele geben mit all ihren Schmerzen und Wonnen, mit allen Tiefen und Sehnsüchten. Und darum, weil hier in diesem starken Bande Gedichte zum ersten Male alle Ausstrahlungen einer jüdischen Frauenseele in einem Spiegel gesammelt sind, weil alle diese Gedichte s• ausschließlich jüdisch Erlebtes, alle Weitgeschehnisse von jüdischem Gesichtswinkel aus gesehen darbieten, darum sei hier eine eingehendere Würdigung der Sammlung versucht. *) Jüdische Gedichte, ausgewählt von Bertha Badt, Jüdischer Yerlag, Berlin 1919. Preis 6,00.

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