Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 580 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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5 80 Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. Genesis. Dies muß man wirklich hinzufügen. Denn sonst wird nicht leicht gedacht werden können, daß die Erzählungen der Genesis gemeint seien. Man kann sie ja einfach und kindlich nennen, weil sie einen noch engbegrenzten Gesichtskreis in bezug auf die Völkerwelt besitzen. Aber ״poetischen Ton“ als ihr Hauptcharakteristikum hinstellen, das ist, gelinde gesagt, ein ganz subjektives Urteil. Wie mag dieses veranlaßt sein? Der ״poetische Ton“ muß mit dem religiösen Hauche identisch sein sollen, der die Erzählungen über die Patriarchen in der Tat durchweht. Auf diese Deutung des ״poetischen Tones“ führen folgende Äußerungen jenes Genesiserklärers: Dieser bemerkt schon vorher (S. VIII): ״Der hohe Geist der alttestamentlichen Religion hat sich so mancher Dichtungsarten bedient“. Nun das ist wahr. Aber was von Dichtung in den Dienst der alttestamentlichen Religion .treten durfte, das ist nur poetisch geformte Reproduktion der Religionsgeschichte, oder poetischer Widerhall der Freude über diese Religionsgeschichte und poetische Darstellung des neuen innerliehen Lebens, das durch jene geschichtlichen Erfahrungen Israels in dessen Herzen entzündet worden war. Willst ׳du dieses dichterisch gestaltete Echo der Geschichte von Israels Erlösung aus Not und Tod und dann von der durch Israel zu vermittelnden Segnung der ganzen Menschheit (1. Mos. 11,3b usw.) vernehmen? Dann lausche auf jenen Triumphgesang des durch Gottes Hilfe dem ״Diensthause“ Ägypten entronnenen Israel (2. Mose 15, lb —18) und auf die andern wirklich poetischen Partien der althebräischen Literatur! Aber gehört auch die ״Sage“ zu den ״Dichtungsarten“, deren sich die alttestamentliche Religion bedient hat? Ist die Sage überhaupt Dichtung zu nennen? Gewiß ist ״Sage nicht Lüge“, wie Gunkel mit Emphase ausspricht (S. VIII), aber mit diesem Schlagwort schlägt er nicht die Wahrheit tot, daß die Sage nicht ״eine Art von Dichtung“ (ebenda) zu nennen ist. Sie ist es nicht bloß nicht nach dem bestehenden Sprachgebrauch, wie er schließlich in der dritten Auflage selbst zugibt, sondern sie ist es auch nicht nach der sachlichen Wirklichkeit. Das erstere ist nicht der Fall, weil man z. B. von altdeutschen