Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 575 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. 575 stellen, den dieser Genesiserklärer einige Zeilen vorher zu Ungunsten der Genesis schreiben wollte, nämlich daß ״die Niederschrift einer historischen Tatsache dazu dient, dieselbe zu fixieren״. Das zweite Unterscheidungsmerkmal von Sage und Geschichte zeigt sich beim Blick auf die Interessensphäre der beiden. ״Der eigentliche Gegenstand der Geschichte sind die großen Öffentlichen Ereignisse; sofern der Historiker einmal auf Privatverhältnisse zu sprechen kommt, geschieht es nur dann, wenn sie für die öffentlichen Dinge von Bedeutung sind. Die Sage aber redet über Dinge, die dem Volke am Herzen liegen, über das Persönliche und Private, und sie liebt es auch die politischen Verhältnisse und Persönlichkeiten so aufzufassen, daß sich ein volkstümliches Interesse damit verbinden läßt“ (Gunkel 1910, S. IX). Diese Sätze braucht man nur prüfend zu lesen, und ihre Schwäche springt so hinreichend in die Augen, daß sie nicht mit vielen Worten aufgezeigt zu werden braucht. Oder heben sich nicht schon die beiden ersten Sätze einander auf? Ist ferner das, was über die Sage bemerkt wird, daß sich mit ihren Stoffen ein ״volkstümliches Interesse“ verbinden müsse, nicht völlig haltlos? Auch mit den Gegenständen der Geschichtsdarstellungen verbindet sich selbstverständlich oft, wenn nicht ausschließlich, das Interesse des Volkes. Und ist das besser begründet, was a. a. 0. weiter über diesen zweiten Unterschied von Geschichte und Sage hinzugefügt wird? Man sagt: ״Die Geschichte müßte erzählen, wie und aus welchen Gründen es David gelungen ist, Israel von den Philistern zu befreien; die Sage erzählt lieber, daß der Knabe David einmal einen philistäischen Riesen totgeschlagen hat“. Ja, das ist allerdings ״Sage“, wenn da der Besieger Goliaths als ein ״Knabe“ bezeichnet wird. Für den Erzähler von 1. Sam. 17.55 war die mit naar gemeinte Person nicht das, was wir einen ״Knaben“ nennen. Ein solcher wäre auch nicht von Saul zum Anführer einer Heeres ab teilung gemacht worden (18, 13). Die Besiegung Goliaths durch David kann