Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 573 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. 573 zur Religiosität und Moralität verhalten haben. Auch höre man doch auf, von Religionsgeschichte zu reden! Gegenstände, wie Ursprung und Entfaltung einer Religion, gehören ja nicht zu den Faktoren, welche ״für die öffentlichen Dinge von Bedeutung wären“, also auch nicht in den Kreis der Geschichte. Aber ist diese Aufstellung über den Begriff von ״Geschichte oder Geschichtsschreibung“ so sicher, daß sie als Norm dienen dürfte, wodurch alle andern Darstellungen von Vorgängen zu ״Sagen“ gestempelt werden könnten? Nein. Denn vor allem ist schon die Einschränkung des Objekts der Geschichtsschreibung auf ״große öffentliche Ereignisse“ ganz willkürlich. Der Begriff der Geschichte hat nichts mit der Öffentlichkeit der Ereignisse zu tun, und von dieser Öffentlichkeit hängt auch keineswegs die Größe der Ereignisse ab. Ereignisse, die im Kreise einer Familie spielen oder auch eine einzelne Persönlichkeit betreffen, können ebenso bedeutsam, wie Ereignisse des Staatslebens, sein. Die Geschichte hat zu ihrem Inhalte Geschehnisse überhaupt. Ferner ist auch die objektive oder authentische Art der Weitergabe oder Überlieferung von Ereignissen nicht an den Gebrauch des Schreibens gebunden. Das Gegenteil aufstellen, wie bei Gunkel S. VII Objektivität und Geschichtsschreibung als zwei zusammengehörende Begriffe behandelt sind, das heißt, die Zuverlässigkeit des mündlichen Zeugnisses durchaus unterschätzen. Denn um hier nur einen einzigen Beleg für die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses schriftloser Persönlichkeiten anzuführen, zitiere ich folgende Worte: ״Wer der Meinung ist, daß so umfangreiche und kunstvolle Gedichte wie die Ilias sich ohne Schrift nicht komponieren lassen, der versäumt es, sich klar zu machen, wieviel entwickelter als jetzt die Gedächtniskraft intelligenter Menschen in schriftlosen Zeiten war1״). Wer also darf behaupten, daß mündlich anvertraute und weitergegebene Nachrichten nicht ebenso objektiv und authentisch sein können, ף Theod. Birt, Abriß des antiken Buchwesens (bei Iwan Müller, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft 1,3) 1913, S. 246. — Vgl. den Hinweis von F. Max Müller darauf, daß das Bigveda mit