Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 572 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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572 Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. Zahlungen gleich überhaupt in eine Gruppe von erzählenden Darstellungen hineinversetzt werden, der das Merkmal der mindestens relativen Erdichtung anhaftet? Diese Fragen müssen hier nun; wenn auch in aller Kürze, beantwortet werden, wobei sich auch ganz deutlich zeigen wird, daß es sich um die Beleuchtung einer Seite der modernen Poetisierungsneigung handelt. Um seine Aufstellung, daß die Erzählungen der Genesis keine Geschichtsberichte seien, zu begründen, versucht jener Genesiserklärer es, die Begriffe von ״Geschichte“ und ״Sage“ neu festzustellen. Und wie geschieht dies? Er gibt zwar keine ausdrückliche Erklärung darüber ab, aber aus mehreren Wendungen, die er in der Fortsetzung der oben zitierten Eingangsworte seines Kommentars gibt, wird es ' herausgehört, daß er unter ״Geschichte“ die objektive und authentische ״Weitergabe“ von ״großen Ereignissen“ versteht, wenn er auch hinzufügen muß: ״In späterer, zum Teil viel späterer Zeit ist es dann auch zu Memoiren oder Familiengeschichten gekommen“. Also ״die Geschichtsschreibung hat zu ihrem Inhalt die großen öffentlichen Ereignisse, die Taten der Führer des Volkes, der Könige, besonders die Kriege“ (Gunkel 1910, S. VII). Auf die Frage ״Wie verhält sich dazu der Stoff der Genesis?“ antwortet man: ״Sie enthält — mit Ausnahme eines einzigen Kapitels (14) — nichts von großen politischen Ereignissen; sie hat zu ihrem Gegenstände nicht die Geschichte von Königen und Fürsten, sondern sie behandelt vorwiegend die Geschichte einer Privatfamilie; da hören wir eine Menge von Einzelzügen, die, beglaubigt oder nicht, jedenfalls für die eigentliche (politische) Geschichte zum größten Teile ohne Wert sind: daß Abraham fromm und edelmütig war usw.“ (S. IX). Nun weiß die Geschichtsschreibung doch endlich, was in den Kreis der Gegenstände gehört, deren Darstellung sie sich widmen darf. Also von Familiengeschichte und Geschichte eines einzelnen Lebens (Biographie) darf man nicht mehr sprechen. Jedenfalls darf in Werken darüber auch nicht mehr erwähnt werden, wie sich die betreffenden Personen