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Jeschurun · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November 1919) · p. Seite 571

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 571 (sequence 73)
Language
German
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Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. 571 Denn zunächst nimmt man die Sage als einen Gegensatz zur Geschichte zu Hilfe. So tut es ein bekannter Kommentar zum ersten. Buch Mose1), indem er mit den Worten ״Sind die Erzählungen der Genesis Geschichte oder Sage?“ beginnt. Wenn aus diesen Worten etwas mit Deutlichkeit herausgehört wird, so ist es dies, daß es sich hier nicht mehr darum handelt, die Erzählungen von 1. Mose ihrer Form nach in Poesie zu verwandeln. Denn gleich der Geschichte wandelt auch die Sage gewöhnlich im Kleide der Prosa einher. Nein, jetzt handelt es sich nicht mehr um das Verhältnis der Genesiserzählungen zur ״Dichtung“, sondern, um es gleich kurz und scharf auszusprechen, um das Verhältnis dieser Erzählungen zur ״Erdichtung“, wenn damit auch ein zum Teil halb- oder ganz unbewußter Vorgang gemeint sein kann2). Da dies aus der zitierten Eingangsfrage jenes Genesiskommentars herausklingen soll, so ist es gewiß vor allem bemerkenswert, daß nicht gefragt worden ist, ob die Erzählungen der Genesis Geschichte oder Fabeln, Parabel und Mythen seien. Der Charakter von Erdichtungen ist den Erzählungen des ersten biblischen Buches am Anfang jenes Kommentars etwas weniger deutlich und damit auch etwas weniger vollständig beigelegt worden, indem diese Erzählungen zwar aus dem Geschichtsbereich ausgeschlossen, aber doch bloß in das Gebiet der ״Sage“ versetzt worden sind. Denn im Unterschied vom Mythus, bezeichnet dieser Ausdruck eine solche Erzählung, die an ein konkretes, tatsächlich existierendes (z. B. ein sonderbares Felsgebilde) oder tatsächlich geschehenes Moment der Wirklichkeit angeknüpft ist, mag dieses Moment in der Volkserinnerung auch noch so sehr verblaßt sein. Aber besitzt man denn ein Hecht, ״die“ Erzählungen des ersten biblischen Buches, also gleich ihre volle Gesamtheit, aus der Sphäre der Geschichtsdarstellungen hinauszuweisen? Dürfen diese Er- ג) Gunkels Handkommentar zur Genesis (1901, 3. Aufl. 1910). 2) Daß solche Erdichtung oft in etwas unklarer Weise auch ״Dichtung“ genannt wird, weiß man schon von Goethes ״Wahrheit und Dichtung״ her.

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