Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 564 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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564 moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. genannt worden1). Ja, wird diese Meinung nicht durch die neuere Entdeckung, daß die babylonisch-assyrische Literatur mindestens zwei große Epen, das Weltsehöpfungs-Epos und das Gilgamesch-Epos, und dazu auch noch die Epopöe von der ״Hädesfahrt der Ischtar״ enthält, unterstützt? Ist deshalb nicht um so mehr anzunehmen, daß auch bei den Hebräern epische Dichtungen yorliegen? Zur Bejahung dieser ]Frage kann man aber schon aus allgemeinen Gründen nicht geneigt sein, die von der geistesgeschichtlichen Stellung des hebräischen Volkes dargeboten werden. Denn das Charakteristische beim Epos ist die Objektivität der Darstellung einheitlicher Tatsachen, die als unter dem Einfluß von Schicksalsmächten geschehend betrachtet werden. Ferner liegt ein wesentliches Moment zur plastischen Darstellung der Ereignisse im antiken Epos darin, daß menschenartige Götter mit menschlichen Leidenschaften in ihnen auftreten, die insbesondere auch zu Liebesverhältnissen mit der menschlichen Sphäre geneigt sind, wie dies z. B. auch im Gilgamesch-Epos deutlich vor die Augen tritt, wo die Göttin Ischtar den siegreich heimkehrenden schönen Helden Gilgamesch mit den lockendsten Tönen auffordert, doch ihr Gemahl zu werden2). Aber schon jene kühl objektive Darstellungsart, bei der der Dichter sich den Tatsachen mit ruhiger Betrachtung gegenüb erstellt und das Auf- und Niederwogen seiner subjektiven Gefühlswelt verleugnet, fehlt in der althebräischen Literatur. Auch wo der hebräische Dichter von einem geschichtlichen Ereignis ausgeht, wie z. B. in dem nach der Durchschreitung des Boten Meeres gesungenen Triumphliede (2. Mos. 15,1b—18), tritt bald der Ausdruck der Gedanken über das Ereignis und der von ihm angeregten Gefühle und Bestrebungen mächtig ף Von dem bekannten amerikanischen Gelehrten Charles Aug. Briggs in seiner General Introduction (1899), p. 560: The poem of the creation and the delnge. 2) Gilgamesch-Epos, VI. Tafel, I. Kol.: ״Komm, Gilgamesch, sei mein Liebhaber, — gib mir deine Frucht, ja gib mir, — sei mein Gemahl, ich dein Weib“!