Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 562 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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562 Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. werden, soll nicht als unmöglich bezeichnet werden. Aber bilden denn jene acht Sätze und Satzteile eine ״Strophe“? Eine solche ist doch die gleichmäßige Einkleidung einer neuen Wendung in einem dichterischen Gesamtgedanken oder Thema. Aber mit V. 15 endet ja keine solche Gedankenwendung, sondern mit einem weiteren Perf. consecutivum folgt eine direkte Fortsetzung ״und ich werde mit ihnen Gerichtsverhandlung haben usw.“ Die fragliche dichterische Form der Aussprüche Jeremias kann also auf keinen Fall deutlich erkennbar sein. Hiermit meine ich aber schon genug Proben von den Hindernissen gegeben zu haben, die sich der neueren Meinung von der dichterischen Form der prophetischen Vorträge entgegenstellen. Mit diesen Gegenbeweisen stimmen aber nun endlich auch die Zeugnisse zusammen, die aus dem Altertum gegen die Zugehörigkeit der Prophetenbücher zum Gebiete der Poesie im Alten Testament zu uns herübertönen. Ein solches Zeugnis ist aber schon die Tatsache, daß bereits die Ergänzer und Redaktoren, welche für die Prophetenschriften angenommen werden und zum Teil anzunehmen sind, die poetische Form der betreffenden Prophetenaussprüche nicht gekannt hätten. Schon Baruch, der vertrauteste Schüler Jeremias, hätte Aus- Sprüche seines Meisters in anderer Form gegeben, als in der er sie gehört haben müßte. Auch sogar die achtzeiligen Knittelverse, in denen Jeremia nach Cornill gedichtet haben soll, würde Baruch z. B. in 30, 2£; 31, 33—37; 33, 2ff. und 34, 2—5 vernachlässigt haben. Das Bedenken, das durch diesen Umstand gegen die Meinung von der poetischen Form der prophetischen Aussprüche erregt wird, ist gewiß in der neueren Zeit mit Unrecht übersehen worden. Und nun gesellt sich dazu auch noch der ausdrückliche Einwand der literarischen Tradition, wie er schon vom vierten Jahrhundert an laut über den Schluß der dichterischen Zeile hinausreicht. Ein Beispiel begegnet in Ps. 2, wo die Zeile (der Stichos) 6a lautet: ״Und ich doch habe meinen König eingesetzt״ und die Zeile 6 b ״auf Zion, meinem heiligen Berge“.