Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 559 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Di© moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. 559 bemerkt man doch zu wenig Streben nach Gedankenparallelismus und Symmetrie der Zeilen, als daß sie aus dem Trieb nach dichterischem Rhythmus abgeleitet werden könnten. In diesen prophetischen Ausführungen waltet nur jenes mittlere Maß von Eurhythmie, das auch sorgfältig geformte Reden wohltönend machen soll. Dies liegt ja in der Natur der Sache, ist aber auch von einem so kompetenten Beurteiler, wie Cicero es war, anerkannt worden, indem er den Dichter als nächstverwandt mit dem Redner bezeichnet©1). So nahe kann also z. B. auch der Cicero der hebräischen Literatur in seiner Ausdrucksweise dem Dichter gestanden haben, ohne mit ihm identisch zu sein. Daß der poetische Rhythmus der Darlegungen der Propheten eine mindestens sehr fragliche Größe ist, wird doch weiter auch dadurch bestätigt, daß z. B. über die dichterische Form von Jeremias Vorträgen so viele verschiedene Ansichten der Forscher möglich sind, die ihm neuestens das Streben nach Herstellung von Gedichten zugeschrieben haben. Denn zunächst Duhm2) urteilt, daß ״das Versmaß der Gedichte Jeremias überall dasselbe sei: Vierzeiler, mit abwechselnd drei und zwei Hebungen“. Mit andern Worten schreibt er Jeremia nur Dichtungen mit dem Rhythmus der Leichenklage, nur Verwendung des elegischen Versmaßes zu, und so schneidet er aus dem ganzen überlieferten Buche Jeremia 268 Tetrastische für Jeremia heraus, während 220 Baruch und mindestens 850 den Redaktoren und Kopisten der folgenden Jahrhunderte zugeschrieben werden. Aber wie ist diese Ansicht gewonnen worden? Der entscheidende Ausgangspunkt war die Voraussetzung, daß Jeremia nur nach einem und demselben Metrum gedichtet haben könne. Diese Voraussetzung läßt sich aber keineswegs positiv begründen, sondern muß vielmehr eine höchst 1J Cicero, De oratore I, 16, § 70: ״Est finitimus oratori poeta, numeris adstrictior paulo“. 2) B. Duhm, kurzer Handkommentar zum Buche Jeremia (1901), S. XII.