Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 556 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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5^6 Di© moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. Um diese Frage beantworten zu können, muß man selbstverständlich zuerst die Kennzeichen der althebräischen Poesie feststellen und sodann fragen, in einem wie großen Teile der althebräischen Literatur sie sich wiedererkennen lassen. Die erste Aufgabe, die also zu leisten ist, ist nicht ganz einfach. Denn die althebräische Poesie läßt sich nicht an so äußerlichen Merkmalen, wie es zunächst der Reim ist, erkennen. Die althebräische Poesie zeigt ja höchstens solche sporadische Reime, wie sie z. B. von Shakespeare im ״Hamlet“ verwendet worden sind, wo man am Ende des zweiten Aktes die Reim Wörter ״king“ und ״thing“ liest. Der Reim geht bei keinem althebräischen Gedichte durch alle Zeilen hindurch. Auch der neueste Versuch, in der althebräischen Literatur ״durchgereimte“ Gedichte nachzuweisen, ist nicht gelungen1). Die Poesie der alten Hebräer wird auch nicht am regelmäßigen Wechsel kurzer und langer Silben, oder an der mechanischen Abwechselung unbetonter und betonter Silben erkannt. Denn Bickell, der die letzterwähnte Abwechselung als das Prinzip des althebräischen Rhythmus geltend machen wollte, hat es nur so gekonnt, daß er schon im Psalter allein ungelähr 2600 Silben beseitigte. Die Kennzeichen der althebräischen Dichtung besitzen einen weniger mechanischen Charakter und liegen mehr auf dem Gebiete der Idee. Denn der althebräische Dichter hat sich auch nicht durchgängig an eine höhere Ausdrucksweise, eine sogenannte Dialectus poetica, gebunden. Die eigentliche Quelle, woraus der Rhythmus der althebräischen Dichtung sprudelt, ist der Gedankenparallelismus und die wesentliche Symmetrie der in Senkungen und Hebungen daherwallenden Sätze. Also in der althebräischen Poesie folgen Zeilen aufeinander, in denen entweder wesentlich gleiche oder einander entgegengesetzte Gedanken zum Ausdruck kommen und die wesentlich gleich viele Hebungen enthalten2). Nicht J) Einen ausführlichen Beweis dafür kann man in meinem Schriftchen ״Hebräische Rhythmik“ (1914), S. 4—8 finden. 2j Welche Silben dabei ״Hebungen“ bilden, ist wohl zum ersten Male in meinem erwähnten Schriftchen S. 83—35 ermittelt werden.