Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 555 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Die moderne Poetisiemng des althebräischen Schrifttums. 555 speziell auch aus den Klageliedern Israels entgegen. Wir wissen ja aus den Totenklagen, die von den Klageweibern noch im heutigen Palästina zum schrillen Ton der Rohrflöte (Jer. 48, 36) angestimmt werden, daß sie einen ganz ausgeprägt poetischen Rhythmus besitzen. Denn neulich, so erzäht L. Schneller in seinem interessanten Buche ״Kennst du das Land?“, als ein Mann vqn einem Kamel totgetreten worden war, sangen die Klageweiber im Wechselgesang Leesch da’ästo (Warum hast du ihn zertreten) — er ridschäl (den Mann?!) L6esch qatälto (Warum hast du ihn getötet?) — ja dschamäl (0 Kamel?!), und ״dabei erheben die Klagefrauen im Takte abwechselnd die Unterarme nach dem Kopfe“ *). Ebendieselbe alte Wahrheit ist ja auch noch aus dem althebräischen Schrifttum selbst zu ersehen, indem da nach alter Vorschrift wenigstens einige Stücke* 2) mit Trennung oder Absetzung der poetischen Zeilen, also ״stichisch“, gedruckt werden. Aber in der neueren Zeit zeigt sich eine wachsende Neigung, den alten Satz, daß das althebräische Schrifttum auch Poesien enthält, in den Satz, daß dieses Schrifttum aus Poesien besteht, umzuwandeln. Ja, diese Neigung besitzt sogar zwei Richtungen. Sie geht nicht bloß dahin, einen sehr weiten Kreis von Bestandteilen jenes Schrifttums als formelle Dichtungen zu erkennen, sondern sie hat auch die Bahn betreten, Dichtungen dem Inhalte nach, also Erdichtungen in weitem Umfange innerhalb der althebräischen Literatur nachzuweisen. Welche interessanten, aber auch für die Würdigung der Autorität dieser Literatur wichtigen neuen Behauptungen sucht man da zur Geltung zu bringen! Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sie einer Nachprüfung unterworfen werden müssen. Versuche ich es also, hier in der Kürze einen Beitrag zu dieser Kritik zu liefern! I. Wie weit dehnt sich der Kreis der formellen Poesie im althebräischen Schrifttum aus? ג) G־. Dalman, Palästinischer Diwan (1901), S. 324. 2) 2. Mos. 15,1b-18; 5. Mos. 32,143־; Rieht. 5,2 fl. und 2. Sam.22,2b ff.