Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 499 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292994--03798-2297078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gesetzesfreude. 499 Aber größer ist doch noch die Freude der Erwachsenen ob der Freude der Kinder und der seligen Erinnerung an die Kindheit, an das Elternhaus, an all die schönen Abende, die sie, abgeschieden vom Gewühl und Geräusch des Alltags, am Sedertisch verlebt haben, an den altgewohnten Melodien! All die Mühen und Beschwerden, die der Pesach der Hausfrau macht — und die sie noch mehr sich selbst auferlegt — werden überreichlich aufgewogen durch die Freuden, die ihr der Seder bereitet und die Freuden, die sie mit seiner Richtung;anderen bereitet, von denen sie wieder auf sie selbst zurück strahlen. Und was sind das alles schließlich anderes als Gesetzesfreuden! Wie freudlos ist doch vergleichsweise das Leben derer, die alle diese Freuden nicht kennen oder nicht mitmachen! Wie leer ist dann namentlich das Leben ihrer Kinder. Denn all diese Freuden sind, mehr noch als die Freude der Erwachsenen, die Glückseligkeit der Kinder. Wie eintönig läuft das Leben der Kleinen dahin, wenn sie keine Abwechslung, nichts zu fragen, nichts zu ״beobachten“, zu befolgen haben! An Liedern fehlt es diesen Kindern nicht. Sie kennen natürlich unsere schönen Volkslieder. Was ihnen fehlt, ist, daß gesungen wird, wenn die Eltern, wie ״Leute vom geruhigen Lebena — wie Otto Ernst sagen würde — um den Tisch sitzen und daß es regelmäßig in bestimmter Veranlassung geschieht, bei der die Eltern andächtig und freudig zugleich mitmachen. Solche Veranlassungen greift man aber nicht aus der Luft. Sie wollen organisiert sein. Vorschriften oder mindestens Brauch gehören also dazu. Dann kann man sich ihnen freiwillig unterwerfen und dann gibt es ״Gesetzesfreude“. 599999999