Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 497 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesetzesfreude. 497 stens zweimal im Jahre, öfters dreimal im Jahre wird dieser Passus verlesen. Konnte und kann es aushleiben, daß er eine tiefe Wirkung auf das Verhalten der Juden gegenüber ihren Dienstboten ausübte, bzw. ausübt! Selbst in den wohlhabendsten jüdischen Haushaltungen kommt es nicht vor, daß — wie in entsprechenden nichtjüdischen — für die Dienstboten gesondert gekocht wird, oder daß sie von feineren Speisen nichts bekommen. Und Hier wird bei Juden kein Unterschied gemacht zwischen jüdischen und niehtjüdischen Dienstboten. Die Wirkung geht so weit, daß viele christliche Herrschaften Dienstboten nicht nehmen, die bei Juden gedient haben, mit der Begründung, daß sie zu sehr verwöhnt seien. Dieses Zeugnis der Praxis dürfen wpr Juden gern in unser Haben buchen — auf Konto Gesetzesfreude. Wie weit die Wirkung der Dienstbotenbehandlung unter Umständen geht, dafür ein Beispiel: Die wohlhabend verheiratete Tochter eines christlichen Dienstmädchens eines meiner Vettern schickte ihre Tochter (also schon die Enkelin des Dienstboten) in eine jüdische Bürgerschule, die auch Nichtjuden aufnimmt, mit der der Tochter meines Vetters gegebenen Begründung: ״Die Juden haben doch mehr Herz!“ Gegenüber d.en vielen nicht schmeichelhaften Verallgemeinerungen, unter denen die Juden zu leiden haben, ist diese ihnen zur Ehre gereichende darum von besonderem Wert, weil bekanntlich, wie das Sprichwort sagt, niemand den Herren besser kennt, als sein Diener. Gewiß, solche Wirkungen auf das praktische Leben werden nicht nur von den Ermahnungen erzielt, die vom Gottesdienste ausgehen. Die Behandlung der Dienstboten — um bei dem Beispiel zu bleiben — der ״Untergebenen“, der sozial Tieferstehenden überhaupt, ist zum großen Teil die Wirkung des Beispiels, das die Kinder von den Eltern vor sich gesehen. Wird aber die Wirkung in ferneren Generationen sich nicht verlieren, wenn diese des Antriebes entbehren, den die Voreltern noch aus dem Gottesdienst mit nach Hause genommen haben?!