Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 496 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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496 Gesetzesfreude. Vorzug, den die zwangsläufige Erfüllung eines Gesetzes dann schwerlich haben kann, wenn sie mit so großen Opfern vorbunden ist. Es gibt zahlreiche Eälle im sozialen Leben der Menschen, in denen ein Gesetz deswegen keinen Zweck hätte, we£L derjenige, der zu seiner Erfüllung verpflichtet wäre, sich ihr doch entziehen könnte, weil seine Verpflichtung zu sehr Ansichtssache ist, während derjenige, der sich zu seiner Erfüllung verpflichtet fühlt, es auch ohne gesetzliche Verpflichtung erfüllt. In solchen Fällen ist es immer besser, wenn kein Gesetz vorhanden ist. Denn das Gefühl freiwilliger Erfüllung einer Pflicht auf der einen, das Gefühl der Dankbarkeit auf der anderen Seite bilden einen großen Aktivposten im sozialen Leben der Menschen, der unnötigerweise nicht geschmälert werden sollte. Diese Betrachtung wendet sich nicht etwa gegen eine Sozialgesetzgebung, bei der Berechtigte und Verpflichtete mit Sicherheit festzustellen sind. Der Fall Ruth zeigt aber gerade, daß es Verhältnisse gibt, in denen das nicht möglich ist, und in denen das Bestehen einer nicht gesetzlich festgelegten sozialen Pflicht dennoch höchst segensreich wirkt. Sie führte zum Ziele und verschaffte außerdem dem Boas die Freude des Beglückens, der Ruth und der Noomi das Gefühl der Dankbarkeit. Eine ׳gesetzliche Verpflichtung hingegen würde wahrscheinlich — ohne das Ziel zu erreichen — zu gerichtliehen Auseinandersetzungen mit dem ״anderen Verwandten“ des Elimelech und damit zu allgemeiner Verärgerung geführt haben — dem Gegenteil der Gesetzesfreude. Wir sprachen eben von dem Einfluß der mehrfach im Jahre im Gottesdienst vorgetragenen Forderung der offenen Hand. An derselben Stelle wird sie noch ausdrücklich gegenüber dem scheidenden Knecht und der scheidenden Magd gefordert, mit dem Hinzufügen, daß sie Anteil haben sollen am Segen der verschiedenen Früchte, die ihrem Herrn Zuwachsen, und diese Forderung damit begründet: ״Bedenke, daß du selbst Knecht warst in Ägypten, daß dein Gott dich befreit hat; darum befehle ich dir dieses Verhalten noch heute.“ Minde-