Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 494 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292994--03793-2297073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
494 Gesetzesfrende. ein lierrlielier Mensch, diese Schwiegermutter Noomi, daß ihre Schwiegertöchter ihretwegen ihr Volk und seine Götter verlassen wollen! Und Boas mit dem tiefen sozialen Pflichtgefühl, das übrigens auch den noch näher, als er, mit Elimeleeh Verwandten beseelt, der nur befürchtet, sein eigenes Erbe zu sehr zu belasten, wenn er, außer der Lösung des Feldes, noch die Verpflichtung eingehen soll, Ruth zu ehelichen, und also für sie und ihre Nachkommen zu sorgen. Die Darstellung der Keuschheit, in jenem nächtlichen Bild: Ruth zu Boas7 Füßen! Wie sittlich hoch stehen diese Persönlichkeiten, einzig geleitet vom Pflichtgefühl! Wenn maru Ruth gelesen hat und gleich darauf (wenn der zweite Tag des Festes auf einen Sabbat fällt) den Thoraabschnitt des zweiten Schewuaustages vorlesen hört, mit all seinen sozialen Vorschriften gegenüber dem Lehrstand der Leviten, gegenüber ״irgendeinem“ armen ״Bruder“ im Lande, gegenüber dem Knecht und der Magd, deren Dienstzeit um ist usw., einschließlich der Vorschrift selbst im erntelosen Jahr, dem Schmittohjahr, ״soll es dir nicht leid tun, wenn du dem Armen gibst, denn gerade dadurch wird der Herr dein Gott dich segnen in all deinem Tun und allem Werk deiner Hände, denn die Armut wird nicht aufhören auf Erden,“ dann drängt sich einem unwillkürlich die Überzeugung auf, daß diese Vorschriften und das hohe soziale Pflichtgefühl, dem wir als etwas ganz Selbstverständlichem imZeitbilde der Geschichte Ruth begegnen,zueinander stehen im Verhältnis von Ursache und Wirkung, von Saat und Ernte. Und wenn wir auch heute noch — wie zu allen Zeiten — gerade in gesetzestreuen jüdischen Kreisen einem besonders hohen Grade von Wohltätigkeitssinn begegnen, trotzdem gerade für sie das Leben in vieler Beziehung teurer ist, und ein Nachlassen der Wohltätigkeit Hand in Hand gehen sehen mit dem Nachlassen der Religiosität, so ist das offenbar die logische und pädagogische Wirkung des dem gesetzestreuen Juden mehrfach jährlich, sowohl im Gottesdienst wie außerhalb desselben, ins Gehirn gehämmerten ״öffnen, öffnen sollst du deine Hand״! Und auch diese