Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 480 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Gedanken zu Alfred Lemms: Der Weg der Deutschjuden. will, entgeht, indem er von einem guten Engel bei den Gebetriemen aus dem Höllenraum gezogen wird. Diese Gebetriemen nur symbolisch zu betrachten, fällt doch wirklich schwer. Wir haben aber dennoch noch nie gehört, daß die Jünger Bubers aus dieser Legende die Moral gezogen haben: Gehet hin und legt jeden Tag Tefillin. In einer andern Legende kommt ein Babbi am Erew Jaum Kippur zu spät zum Gottesdienst, da er für eine Witwe Holz gespalten hat. Nach unsrem Empfinden ist diese theoretische Verhimmlung des Gesetzes und dessen praktische Außerkurssetzung gleichbedeutend mit einer Art Lehre von der doppelten Wahrheit. Nun werden mir einige entgegenhalten: Nein, diese neuchassidisch und nationalistisch entflammten Jünger machen den Chassidismus zum Gegenstand wissenschaftlicher und ästhetischer Forschung, ohne sich mit ihrem Gegenstand zu identifizieren, ohne eine Moral aus diesen Stoffen ziehen zu wollen, gerade so wie Müllenhoff, Storm, die Bomantiker, jahrelang umherreisten, um auf dem Lande unter der einfachen Bevölkerung Märchen, Gedichte, Perlen der Poesie zu sammeln. Nur ästhetische Freude, nicht praktische Nutzanwendung leitete diese Männer. Doch ist m. E. hierauf zu erwidern: Es ist doch ein Unterschied, ob ich aus ethnographischen, folkloristisehen Neigungen Volksmärchen sammle und wissenschaftlich katalogisiere, oder ob ich mit schwärmerischer Begeisterung Legenden, Heiligkeitsgeschichten, Lebensereignisse verherrliche und Männer als Helden dieser Ereignisse und Handlungen besinge und so die Glaubenstiefe dieser Männer der Nachahmung empfehle. Es ist wohl ein. Unterschied, ob ich Volksmärchen aus uralten Zeiten wiedergebe, die rein lyrisch-rührenden, naiven Charakters sind, oder religiöse Erzählungen, die, einmal ihres religiösen Charakters und Glaubenswertes entkleidet, fast ihre Daseinsberechtigung verlieren. Es ist ferner wohl ein bedeutsamer Unterschied, ob ich über urzeitige altgermanische Volksbräuche Abhandlungen schreibe und ihre Entstehung und ihren Zusammenhang historisch vergleichend objektiv prüfe, oder ob ich das Leben und Wirken frommer Männer, deren Wirken noch für ganze Volkskreise•