Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 471 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanken zu Alfred Lemms: Der Weg des Deutsclrjuden. 471 die Verachtung der ״Form* und ״Fläche* der irdischen Welt, die Versenkung in eine überirdische, mehr spekulative Welt des Gefühls, des Seelenüberschwangs, der Gottesglorie im Menschen. Anderseits entlädt sich diese Neigung zur Reflexion 1n einer starken Vorliebe für Vernunfthandlungen. Aus diesem Trieb nach Rationalismus erklärt sich die Vorliebe des Ostjuden für Kopfarbeit, für Hirnbetätigung, die aber noch keineswegs ein höheres ethisches Wollen, eine Durchgeistigung und Veredlung bedingt. Vor allen Dingen fehlt dem Ostjuden die ״Erdbezogenheit“, der Sinn für Beobachtung von Landschaft und täglich ihn umgebenden Dingen. Seine ״IchVertiefung* macht den Ostjuden oft fühllos gegenüber der dinglichen Welt, daher seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Welterleben, den technischen und praktischen Fortschritten. ״Der stammjüdische (d. h. ostjüdische) Charakter hätte sich also aus seiner allzu starken Nachinnengerichtetheit zu stärkerem Außenleben, von seiner Geistigkeit zu mehr Gegenständlichkeit zu entwickeln״, (p. 28). Anderseits kann darüber kein Zweifel bestehen, daß das Westjudentum hinwiederum an einem Mangel an seelisehen Potenzen leidet, daß Kapitahsmus, Mechanisierung des Geistes, Anbetung des Macht- und Erfolg-Prinzips unsern seelischen Horizont völlig verdunkelt haben. Hier kann nur eine Synthese, eine Durchdringung von Ost und West Rettung bringen. Ein neuer Mensch-Jude muß geschaffen werden, der ״orientalische Europäer“, und dieser Typus kann nur durch die Verschmelzung ostjüdischer mit westjüdischer Wesensart Zustandekommen. (Schon im August—September Heft des ״Juden“ 1917 hatte Lemm dargetan, daß er nur in dem orientalisch-osteuropäisch fühlenden Westjuden die wahrhaften zukunftverheißenden Kulturträger für Europa erblicke) Die Westjuden müßten von den Ostlern die Kraft der Unbedingtheit lernen, ״die große Geste, die Fähigkeit der Hingabe“; die Ostjuden haben noch die tiefe Religiosität, welche sie zwingt, für ein Überirdisches zu leben und zu sterben. Wir hier kennen nur eine Leitung im Handeln, den Zweck, das Gebot der Erde. Der Ostjude ״kennt noch das Gebot des