Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 460 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Über d. Zusammenhang zwischen schriftlicher u. mündlicher Lehre. die Karäer dasselbe Prinzip, und auch bei der Reformbe wegung der Neuzeit spielte dieses Moment eine wichtige Polle. Aber auch von außen her, von christlicher Seite, wurden gegen die Einheit und Untrennbarkeit von Bibel und mündlicher Lehre die heftigsten Angriffe gerichtet. Man erfand den Unterschied zwischen dem ״prophetischen“ und dem talmudisch-rabbinischen Judentum, das auf der ״Überlieferung fußt und eine Umbildung und Verfälschung des ersteren bedeuten sollte, man kämpfte ebenso mit den Waffen des Spottes wie der Gehässigkeit gegen die ״Spitzfindigkeiten“ und willkürlichen Auslegungen der Talmudlehrer, und für die Auffassung dieser Kreise ist der Talmud nicht anderes als ein Kompendium sophistischer und spitzfindiger Kasuistik. Es kann natürlich nicht geleugnet werden, daß bei einer oberflächlichen Betrachtung viele Auslegungen unserer Weisen sehr auffällig erscheinen müssen, daß die Deutung der Schriftstellern oft dem einfachen Wortsinn zu widersprechen scheint. Es werden manchmal an ein Wort halachische Bestimmungen angeknüpft, während dasselbe Wort an einer anderen Stelle keinerlei besondere Ausdeutung erfährt, ja es wird bisweilen derselbe Ausdruck an zwei verschiedenen Stellen in ganz entgegengesetztem Sinne ausgelegt. Bei einem tieferen Eingehen auf die Methode unserer Weisen zeigt sich freilich, daß hier nichts weniger als Willkür herrscht. Wir besitzen ein Werk, das in glänzender Weise unwiderleglich dartut, wie alle דרשות unserer großen Lehrer, alle ihre Ableitungen der mündlichen aus -der schriftlichen Lehre auf den Gesetzen der Logik und der hebräischen Sprache beruhen. Dieses Werk, das viel zu wenig studiert wird, ist der Pentateuchkommentar des R. Meir Leibusch Malbim, der den Titel התורה והמצוה führt. Malbim, der zuerst in Wreschen und Kempen, später in Bukarest, sodann in mehreren russischen Städten Rabbiner war, und nach einem durch Verfolgungen heimgesuchten Lebensabend in Kiew starb, ist durch eine Reihe von Werken bekannt, unter denen der- Pentateuchkommentar die erste Stelle einnimmt. Innerhalb dieses Kommentars ragt aber besonders die umfassende Er-