Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 452 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292994--03751-2297031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
452 Aus dem Leben der Schnle. Hand entgegenzustrecken“ und ihren Kindern eine vorbildliche Erzieherin zu sein? Und geht man einen Schritt weiter; scheut man sich nicht, aus Pestalozzis und J. Gotthelfs erzieherischen Bauerngeschichten zu lernen, was der Städter aus eigener Anschauung nicht wissen kann: was dem Bauern eine brave, arbeitsfreudige Frau seelisch und wirtschaftlich bedeutet und wie notwendig ihr Fleiß und ihre Frömmigkeit innerlich zusammenhängen, ja, fast zusammenfallen, so gewinnt man, glaube ich, einen anderen Blick für die zunächst merkwürdige Tatsache, daß sich die ״Gottesfurcht“ des Biederweibes vorwiegend in ihrer Arbeitsfreude zu bekunden scheint. Und man legt sich vielleicht die Frage vor, ob solche Frömmigkeit nicht erheblich gesünder ist als die Verstiegenheit der אשה פרישה, vor der der Talmud einmal warnt, und die viel aktuellere Frage, ob es wirklich so unfromm und unjüdisch ist, wenn in unserer Zeit, die so manche frühere Frauenarbeit der Maschine oder dem Berufshandwerker übergeben hat (Wasserholen, Spinnen, Brotbacken), die Frau für die ihr unwiederbringlich entzogenen wirtschaftlichen Pflichten neue sucht, um die uralte wirtschaftliche Gleichstellung mit dem Manne, in neuen Formen natürlich, zu behaupten. Wir sind weit abgeglitten — aber nicht ohne Absicht. Indem wir den Betrachtungen freien Lauf ließen, zu denen jene wirtschaftlichen Darstellungen notwendig führen, mußte sich uns ergeben, wie fruchtbar der Einblick in das Leben der Vorzeit, nicht nur in ihre Lehren, für die eigene Lebensgestaltung werden kann. Aber es lohnt auch, den umgekehrten Weg zu gehen: die Vergangenheit aus der Gegenwart zu begreifen. Ich glaube, es ist der einzige, der es uns ermöglicht, Primanern die jüdische Geschichte wirklich wertvoll darzustellen. Vor etwa 30 Jahren erklärte einmal eine damals in Deutschland sehr einflußreiche Persönlichkeit, der Geschichtsunterricht müsse umkehren: nicht mehr von Marathon nach Sedan fortschreiten, sondern von Sedan ausgehen und möglichst bis Marathon zurückfuhren. Darin liegt m. E. ein doppelter