Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 451 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Leben der Schule. 451 kannter biblischer und talmudischer Erzählungen das verwandte Schöne in der nichtjüdischen Sitte anerkannt und etwa das herzliche Verhältnis des Obersklaven zum Herrn billig gewürdigt, mag er nun Eumaios oder Elieser heißen: so ersteht vor Lehrer und Schüler das biblische Leben in seiner relativen Verwandtschaft und seinem tiefen Gegensatz zum gemeinantiken mit einer Lebhaftigkeit, die sowohl exegetische wie systematische Aufgaben der Lösung näher bringt. Erst z. B. wenn erkannt ist, wie sehr die Gleichberechtigung der Geschlechter mit der wirtschaftlichen Bedeutung der Frau (nicht nur der verheirateten) zusammenhängt, läßt sich Esches chajil würdigen als das, was das Kapitel sein soll und will: der Preis der arbeitsamen Frau, die über die in Schillers Idealbild gezogenen Grenzen hinaus ״ohnJ Ende die fleißigen Hände regt“, nicht weil die Not oder gar des Mannes Befehl1) sie nötige, sondern aus der dem gesunden Menschen natürlichen Freude an der Arbeit*) — die es ihr zugleich ermöglicht, dem Armen ״die 1j Eine Frankfurter sozialistische Schriftstellerin meinte einmal, es gehe dem Idealweibe der Bibel wie heute so vielen Frauen des Ostens: der Mann, scheine beim Talmud zu sitzen ־and überlasse der Frau das Wirtschaftliche. Solche Vorstellungen einer jüdischen Frau zeigen, wie nötig es ist, unserer Jugend von der tatsächlichen Arb eit steilung in der biblischen Zeit (in welcher der Feldbau, anders als in Germanien, fast nur den Männern zufiel) eine klare Vorstellung zu machen: darin liegt übrigens auch ein nicht ganz überflüssiger Schutz gegen eine jetzt in Mode kommende Überschätzung des Ostjudentums und die Gleichsetzung der in ihm erscheinenden Form jüdischer Frömmigkeit mit der ״Jüdischkeittt überhaupt. a) Sehr zutreffend führt Wohlgemuth (Beiträge zu einer jüdischen Homiletik 18f.) aus, wie oft einzelne Bibelsprüche durch ihre beständige Wiederholung in Predigten ihre Kraft verloren haben. Er fragt mit Recht, was die ergreifenden Worte Hiobs ״Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name Gottes sei gelobt“ infolge ihrer nur zu üblichen Anwendung bei unpassenden Gelegenheiten heute noeh für Wirkung üben können.' Die Beobachtung (die natürlich auch für Dutzende von Stellen aus der profanen Literatur gilt) findet auch auf Esches chajil Anwendung: seit man es am Grabe jeder einigermaßen ordentlichen Frau zitiert hört, vergißt man sehr leicht, daß es sich um eine hervorragende Persönlichkeit handelt und worin ihr auszeichnender Vorzug besteht.