Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 450 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Ans dem Leben der Schule. übt, als Mutter in Freud und Leid unvergleichliche Kräfte entfaltet1)• Ich habe gern im deutschen Unterricht vierzehnjähriger Mädchen im Anschluß an die Lektüre der Odyssee und in Wiederholung des mittelhochdeutschen Epos Parallelen gezogen oder vielmehr leicht finden lassen: denn es fiel den ans Fragen gewöhnten Schülerinnen natürlich von selbst auf, daß Telemachos seine Mutter kurzer Hand aus dem Zimmer weisen darf und der Dichter dies Benehmen eines Einundzwanzigjährigen ״höchst vernünftig“ findet; daß die Arbeit, die einer!Rebekka (aber auch einer Nausikaa!) lieb und ehrenvoll erscheint, für Grudrun höchste Schande bedeutet; ich habe auch ruhig in einer Form, die nicht zu wenig und nicht zu viel andeutete, auf das Verständnis der biblischen Polygamie vorbereitet und darauf hingewiesen, daß Odysseus zwar nur eine Gattin heiraten, aber (nach vereinzelter Überlieferung) auch von Kirke einen Sohn haben darf und doch als Muster ehelicher Treue gilt, während das Judentum andere als eheliche Be- Ziehungen zwischen Mann und Weib nicht duldet. Werden solche Vergleiche mit der selbstverständlichen Gewissenhaftigkeit gezogen, wird z. B. auch ruhig mit der Unbefangenheit bel) Ich benutze gern die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie ein feinfühliger protestantischer Gelehrter (Wilke, Das Frauenideal und die Schätzung des Weibes im Alten Testament, 1907, 38ff.) die in jüdischen Eireisen vielleicht nicht genügend bekannte Erzählung von ßizpa U. Sam. 21 verwertet. Er erzählt, wie die Söhne der Rizpa nach dem Tode ihres Yaters Saul von den Gibeoniten erschlagen und ihre Leichname den Tieren des Feldes zum Fräße bestimmt wurden. ״Da hüllte sich die unglückliche Mutter in ihr Trauergewand mnd stieg auf den Berg, um bei ihren erschlagenen Kindern die Totenwacht zu. halten. Ob auch die Geier am Tage sie umkreisen und die gierigen Hyänen des!Nachts, mutig tritt ihnen ßizpa entgegen. Der Todesmut einer Antigone paart sich hier mit der sich selbst verzehrenden Ausdauer des treuen Mutterherzens. So verging Woche um Woche und Monat um Monat, zu Beginn der Gerstenemte, also im März, hatte man die Hingerichteten ausgesetzt; zu Beginn der Regenzeit, also im Oktober, sahen die Leute im Tal noch immer die geisterhafte Gestalt auf der Bergkuppe wandeln, bis endlich auf einen Wink des Königs die bleichen Gebeine gesammelt und bestattet werden durften״.