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Jeschurun · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 444

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 444 (sequence 18)
Language
German
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444 Das Sündenb e wußtsein. Vielleicht ist nocli ein anderes sclrnld. Die Kampfstellung, die wir so lange gegen den Liberalismus haben einnehmen müssen. Unser Blick war immer nur eingestellt auf das, 1׳was die anderen redeten, schrieben und taten. Und wir haben vergessen, in unser eigenes Inneres zu schauen und uns vor Augen zu halten, wie schwer wir selbst gefehlt. Und vielleicht hätten wir mit der Arbeit an uns unserer Sache mehr genützt als mit dem Streit gegen die anderen. Denn mehr als Polemik würde das Beispiel wirken, das Beispiel von Menschen, die nicht fürchten, wenn sie unsere eigene Unzulänglichkeit bekennen, ״der Partei“ zu schaden, die sich des eigenen Unwertes bewußt sind und daraus kein Hehl machen, kurz die das echte jüdische Sündenbewußtsein haben. Aber wir hören auch heute nun allzuoft die Freunde Hiobs reden, die alles so wohl bestellt sehen im Getriebe der Welt, die מצדיק את הדין sind für die anderen, die die göttliche Gerechtigkeit betonen, wenn ihre Brüder von schwerem Geschick heimgesucht werden und denen gar nicht der Gedanke kommt, daß sie nicht besser sind als jene und daß es ein Problem ist, wenn sie unberührt bleiben. Die Judenheit Deutschlands ist seit langer Zeit von den furchtbaren Heimsuchungen, die den Osten trafen, verschont geblieben. Ist es nicht wirklich an der Zeit, daß wir daraus andere Schlüsse ziehen als den, daß sie die Blüte des Judentums darstellt und eben darum besonders von Gott begünstigt ist? Nach dem Worte אל תפתח פה לשטן wollen wir uns hüten, dem Gedanken, der nahe liegt, Worte zu verleihen. Aber drohend ballen sich auch über uns die Wolken zusammen. «Ein Abscheu aber ist dem Ewigen, wer hochmütigen Sinnes, die Hand darauf, er bleibt nicht ungestraft“. Mehr als je seit langer Zeit müssen wir die ehrfurchtgebietenden Tage zum Anlaß nehmen, uns zur Demut zu erziehen, zu jener unbegrenzten Demut («über alle Maßen sei demütig“), die die Vorbedingung ist zur Selbsterkenntnis und zum Sündenbewußtsein. Denn nur «wer bekennt und seinen alten Wandel läßt, findet Erbarmen“. J. W.

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