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Jeschurun · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 443

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 443 (sequence 17)
Language
German
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Das Sündenb ewnßtsein. 443 des ganzen Menschen auf die Ewigkeit, vor der alles, alles, was den Menschen hinieden berührt, verschwindet, nicht mehr vorhanden. Und damit auch nicht jene unsagbare Bangigkeit, die gerade unseren alten Frommen eigen war, ob sie ihr ewiges Seelenheil nicht irgendwie verscherzt, ob sie vor dem Richterstuhl der göttlichen Majestät würden bestehen können. Denn das ist das zweite: Es fehlt an dem echten und rechten Sündenbewußtsein. Das eigenste Feld der Versündigung ist für den ״thoratreuen״ Juden (in Anführungsstrichen, denn mit einer gewohnheitsmäßigen Verletzung dieser Gebote hört er ja in Wahrheit auf, thoratreu zu sein) das Gebiet der Pflichten gegen die Nebenmenschen und die Herzenspflichten im weiteren Sinne, wie sie R. Bechai dargestellt hat. Für Tallis, Tefillin und Mesusa, für Lulaw und Sukka, das regelmäßige Gebet und die regelmäßigen Fasten entsprechend zu sorgen, nichts Verbotenes am Sabbat zu tun und sich jeder verbotenen Speise zu enthalten, das ist zwar ein weites Feld, aber Erziehung und Gewöhnung lassen es dahin kommen, daß man bei ernstem Streben hier nicht so leicht strauchelt. Alles andere aber steht auf einem anderen Feld, und je sorgfältiger man sich dort hütet, desto mehr tobt man sich hier aus. Das ist immer schon so gewesen, und das verhältnismäßige Schweigen der Propheten von den Geboten und Verboten der besonderen jüdischen Lebensführung läßt keinen anderen Schluß zu, als daß sie eben hier nicht so viel zu erinnern hatten. Wer aber gegen die Inanspruchnahme des israelitischen Prophetismus als Vorläufer der liberal-christlichen und liberal-jüdischen Ideenwelt durch die Theologen aus jenen beiden Lagern ankämpffc, wer es nicht wahr haben will — und das mit Recht — daß je die Kontinuität zwischen ״Israelitentum״ und ״Judentum״ unterbroehen war, wer der Überzeugung ist, daß unsere Propheten dem Talmud und Midrasch und der rabbinischen Zeit so lebendig gewesen sind, wie zur Zeit, da jene auf Erden wandelten und ihrem Volke ihre Schuld kündeten—, der kann nicht genug darauf dringen, daß das Prophetenwort auch unser Geschlecht aus der trägen Ruhe, mit der wir ״auf den Hefen liegen״ aufrüttelt.

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