Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 442 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2292989-2292994--03741-2297021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

442 Das Sündenbewußtsein. Und bei uns? Um es kurz, wenn auch etwas drastisch auszudrücken: Wenn einer ohne Widduj gestorben, dann heißt es: ״der ist einen schönen Tod gestorben“. Wirklich, wenn einer plötzlich von einem Gehirn- oder Herzschlag weggerafft wird, hört man auch in unseren Kreisen die Leute so sprechen, weil er sieh nicht lange gequält hat und weil er ohne den Gedanken an den Tod hinweggegangen ist. Ängstlich vermieden wird aber in jedem Falle, den Schwerkranken, wenn es auch nach aller Voraussicht sein Sterbebett ist, zur Widduj aufzufordern. Ängstlich vermieden bei jedem und von Angehörigen, die sonst an sich den strengsten Maßstab des Religionsgesetzes anlegen. Daran, daß die Erregung zu einer plötzlichen Verschlimmerung im Befinden des Kranken führen könne und vor drohender Lebensgefahr alles, auch diese vielleicht letzte Möglichkeit des Sündenbekenntnisses zurücktreten müsse, haben auch unsere Alten gedacht. Und ׳nach Sabbath 32 a kodifiziert daher der Schulchan Aruch (Jore dea 338,1): ״Wenn es ans Sterben geht, dann sagt man zu ihm: lege das Sündenbekenntnis ab! Man sagt ihm: viele haben das Sündenbekenntnis abgelegt und sind nicht gestorben und viele, die es nicht abgelegt, sind gestorben, und um des Verdienstes willen, daß du es ablegst, wirst du gesunden und jeder, der es ablegt, hat Anteil an der künftigen Welt.“ Wenn das ganz allgemein geschehen würde, so würde in der Tat jedes Bedenken schwinden. Unser Geschlecht muß freilich jetzt erst wieder dazu erzogen werden, damit es vor einem solchen Ansinnen nicht ״bis auf den Tod erschrickt״. Was ist die tiefere Ursache dieses bedauerlichen Abstandes von dem ursprünglich jüdisch religiösem Fühlen? Zunächst, daß der religiöse Besitz eben mehr ererbt als erworben ist. Schuld und Sühne, ודוי ותשובה das sind mehr Formeln als daß sie in Fleisch und Blut übergegangen wären. Ich habe ja wohl schon einmal in einem anderen Zusammenhang darauf verwiesen, aber es ist zu charakteristisch, als daß es nicht wiederholt werden könnte, wie es bei der ודוי im Osten zugeht und daß das אשמגו bei uns gesungen wird. Und es ist jene Einstellung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.