Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 441

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 441 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2292989-2292994--03740-2297020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Sündenbewiißtsein. 441 vereint werden, die Vorsehung bis ins kleinste ihr gemeinsames Schicksal bestimmt, daß alles, alles, was sie erleben werden, auf göttliche ]Fügung zurückgeht und daß die Angehörigen in dieser Stunde durch ihre inbrünstige Hingabe an Gott, durch ihr Bitten und Flehen auf das künftige Schicksal Einfluß üben können. Man kann reügions-philosophische Betrachtungen über eine derartige Anschauung anstellen, unberührt von allem bleibt die Tatsache, daß hier ein starker, von keines Gedankens Blässe angekränkelter Vorsehungsglaube wirksam ist. Ich bezweifle, ob dieser in den Herzen derer, die gehalten und vornehm bei unseren Trauungen sich geben, von der gleichen Stärke ist.' Und nun ein zweites Beispiel, und damit sind wir mitten in unserem Gegenstand. Der stärkste Fluch vielleicht, mit dem ein Ostjude den anderen bedenken kann, lautet: ״Du sollst ohne Widduj sterben!“ Das bei den Ostjuden leider so vielfach geübte Fluchen (der gebildete Europäer denkt sich nur den Fluch) ist sicher verwerflich. Und wenn das alles auch nicht so ernst genommen wird und jedem Kenner des Ostens aus eigener Anschauung oder aus der Literatur ja bekannt ist, wie dergleichen zu den beliebten Umgangsformen gehört, so ist doch diese Unsitte nicht scharf genug zu verurteilen. Aber zu wirklich ernst gemeintem Fluche, wie dem erwähnten, läßt man sich doch nicht so leicht hinreißen. Die Tatsache nun, daß die Volksseele — in ihrer Verkümmerung — diesen Fluch geformt hat, zeigt, welche Kölle das Sündenbewußtsein hier spielt. Es ist nicht eine verschwommene Vor- Stellung, sondern lebendiger Glaube, daß jeder Mensch sein Leben als Sünder vor Gott beschließt, es ist lebendiger Glaube, daß er durch das Sündenbekenntnis, das ja von aufrichtiger Keue begleitet sein muß, in Verbindung mit der Sühnekraft, die dem Tode innewohnt, Gnade und Erlösung bei Gott findet. Es ist zweifellos eine schwere Sünde, seinem Mitmenschen zu wünschen, daß er dieser Gnade verlustig gehen möge, aber hinter dem Schmutz leuchtet die Reinheit jenes starken Glaubens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.