Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 440 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Das Sündenbewnßtsein. ihren Forderungen. Psychologische Untersuchungen freilich liegen einmal dem jüdischen religiösen Genie nicht sie überläßt es den griechischen und römischen Ethikern, die das Altertum nicht aus dem Sumpf haben führen können oder den christliehen Dogmatikern, die eine so tiefe Kluft; zwischen Ideal und Wirklichkeit ausgehöhlt haben. n. Unserer Gewohnheit folgend, fragen wir nach der An- Wendung dieser Ausführungen für unsere Zeit. Wenn das wieder auf Mussarworte, gerichtet an die deutsche resp. westeuropäische thoratreue Judenheit hinausläuft, so liegt das vor allem daran, daß diese Blätter eben für diese Leser bestimmt sind. Sodann aber bin ich in der Tat der Überzeugung, — nicht jetzt erst, weil ״die Ostjuden Mode sind“, ich war es immer — daß die osteuropäische Judenheit sich die Ursprünglichkeit des jüdisch-religiösen Fühlens (natürlich in seinem thoratreuen Teile) mehr bewahrt hat, als ihre Brüder im Westen. Und selbst in ihren Fehlern, in ihren Exzessen spürt man jenes tiefe und aus dem Urgrund des Judentums hervorsprudelnde Quellen echt jüdisch-religiösen Empfindens, wenn man sich nur Mühe gibt, hinter den Fehlern nach dem Guten zu suchen, dessen Schattenseiten jene sind, nicht auf die Schale, sondern auf den Kern zu sehen. Ein Beispiel, wie es mir gerade einfällt. War einer der Leser einmal bei einer echt russischen Hochzeit, bei einer, wo das junge Paar und die Angehörigen noch nicht von der westjüdischen Kultur beleckt? Nicht wahr? Er hat sich abgestoßen gefühlt von jenen doch gar nicht angebrachten Tränenergüssen, jenem Jammern und lauten Weinen, wie es nicht einmal auf einem Friedhof thoratreuer Westjuden vernommen wird. In der Tat, gelinde ausgedrückt, sehr fremdartig! Aber, was ist der tiefere Grund jener grenzenlosen Erregung? Der grenzenlose Glaube an Gott und seine השגחה, jener den ganzen Menschen erfüllende und ihn übermannende Gedanke, daß in dieser Stunde, da nach Gottes Vorschriften zwei Menschen