Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 439 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Sündenbewußtsein. 439 sondern nur ein Aggregat unendlich vieler einzelner sündigen Handlungen gebe 1). TTnd man hat wieder aus einzelnen Stellen erwiesen, die immer dazu herhalten müssen, daß ״Gott mit den Sünden des Menschen wie mit Rechenpfennigen rechne״ hat die drei Klassen, in die die Menschen nach dem Talmud zerfallen, zitiert, die Frommen, die Frevler und die Mittleren, die zu solchen werden nur nach dem Umstand, daß ihre guten und schlechten Werke überwiegen oder sich die Wage halten, ohne daß nach dem Gesamtcharakter des Menschen gefragt, die einheitliche Wurzel der bösen Regungen näher untersucht, die Motive des Bösen analysiert werden. Es kann in diesem Zusammenhang auf all dies hier nicht näher eingegangen werden2). Doch über eines muß man sich immer wieder wundern; daß ein* ernster Gelehrter wie Köberle ein 676 Seiten großes Buch: ״Sünde und Gnade im religiösen Leben des Volkes Israel bis auf Chr.“ schreiben kann, ohne einen Blick in unsere Selichoth zu werfen, die doch völlig vom Geiste der biblischen und talmudischen Zeit durchtränkt sind. Und er hat keinen Blick hineingetan, sonst würde er nicht über das Sündenbewußtsein der Juden so urteilen können, wie es von ihm geschieht. In den Selichoth ist naturgemäß viel von dem Leid die Rede, das Israel erduldet, viel von Bitten, das Leid zu enden, wird oft an die alte Herrlichkeit des Tempel- und Opferdienstes erinnert. Aber nur ein paar Mal vorübergehend von jenen ״Rechenpfennigen“ (die übrigens auch mehr die Bedeutung haben, das Verantwortlichkeitsgefühl des Menschen in ganz besonderem Maße zu stärken, für den Fall, daß die Gesamtheit sich in ihren Taten das Gleichgewicht hielt, könne eine einzige Tat zum Guten oder zum Schlechten über Fortbestand und Untergang der Welt entscheiden). Ununterbrochen aber von dem sündigen Menschen im allgemeinen, von seiner Kleinheit und Schwäche gegenüber der Majestät Gottes und x) Köberle, Sünde und Gnade usw. S. 493ff. 2) "Vgl. darüber L. Lazarus, Zur Charakteristik der talmudischen Ethik besonders S. 26 ff. M. Lazarus, Ethik des Judentums I a. v. 0. mein »Schuld und Sühne״ Jeschurun III S. 463—489.