Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 436 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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436 Das Sündenbewnßtsein. Sünde der Durchgangspunkt zu einer höheren Stufe, wenn das Sündenbewußtsein seine Kraft, sich die Liebe und Gnade Gottes wieder zu erringen, bewährt hat. Wenn das kühne Gleichnis gewagt werden darf, das der Midrasch aber sich nicht scheut zu bringen: gewaltiger und brennender niemals die Liebe als zwischen einem Ehepaar, das sich einander völlig zu eigen gegeben, nach einem Zwist, der sie eine Zeitlang einander entfremdet hat. Und bedarf es denn des Midrasch? Ergreifender ist wohl nie die Liebe und Treue zu Gott von einem Propheten geschildert worden als von Hosea in dem Bilde des ungetreuen und zu ihrem Gatten reuig zurückkehrenden Weibes. Ja, man kann vielleicht sagen, daß ohne die Stärke und die Dauer dieses Sündenbewußtseins die Erhaltung des Judentums nicht recht vorstellbar ist. Und es ist schier unfaßbar und nur durch ein Vorurteil ohne gleichen zu erklären, wie gerade dem Judentum der Makel der Selbstgerechtigkeit angeheftet werden kann. Alle Völker haben, soweit sie überhaupt religiöse *Anschauungen selbsttätig entwickelt haben, an diesen Kritik geübt und sind auf Grund ihrer Schicksale zu einer Revision ihrer religiösen Weltanschauung gelangt. Das Wort des Propheten, daß Israel aus der Hand Gottes das Doppelte für all seine Sünden erhalten hat (Jes. 40,2), ist in der Geschichte von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr furchtbare Wirklichkeit geworden. Aber ebenso wie in Koheleth, obwohl der Zweifel sich auf alles erstreckt, der Glaube an das Dasein Gottes davon völlig unberührt bleibt im Gegensatz zu der Entwicklung, die der Skeptizismus bei den philosophierenden Griechen genommen^so hat auch das furchtbarste Leid, das Israel getroffen und das es im Vergleich mit dem Verhältnis, in dem Schuld und Strafe bei den anderen Völkern stand, als über das gerechte Maß hinausgehend hätte empfinden müssen, nicht vermocht, den Glauben an den gerechten Gott zu erschüttern. Und immer haben unsere Väter es Nechemja nachgesprochen: ״Doch du stehst gerecht da bei alledem, was über uns gekommen ist, denn du hast nach der Wahrheit gehandelt,