Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 435 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Sündenbewußtsein. 435 die Sünde, die ja nicht immer Verbrechen und schweres Vergehen zu sein braucht oder gar sein soll. Auf je höherer Stufe der Fromme steht, ein desto geringeres Maß des Abfalls von der Vollkommenheit genügt, um ihm seine Entfernung von Gott zum Bewußtsein zu bringen, ihm das Sündenbewußtsein in seiner ganzen Stärke erleben zu lassen. Und sollte es nicht zu denken geben, daß die gewaltigsten und unerreichten Werke unserer religiösen Literatur der Zeit des ersten Reiches entstammen, in der das Volk von Sünde in Sünde fiel. Sicher waren nicht die Propheten und Sänger, sondern die Stände, zu denen sie sprachen, diejenigen, die sich so oft und so schwer vergingen. Aber die Schöpfer jener unsterblichen Mahnreden nahmen die Last ihres Volkes auf sich, sie fühlten sich mit ihm eins und empfanden die Gottesferne des Volkes als ihre eigene, und aus der Tiefe seines und ihres Falles entrangen sich ihnen jene Klagen und jene Sehnsuchtsseufzer, die für alle Zeiten der ergreifendste Ausdruck des um seine Rückkehr bangenden und die Gnade Gottes erflehenden sündigen Menschen geworden sind. Sicher gibt es im Judentum viele Wege, Gott zu lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele: die Hingabe in Freude, das leidenschaftliche Entflammen für Ihn in der Erfüllung aller Gebote, all das, was wir in dem Begriff שמחה של מצרה zusammenfassen; die Hingabe im Leid, das Hinnehmen auch des furchtbarsten Schlages mit dem Gedanken, daß es wohl der rechte Weg sein muß, den der Getroffene auch hier von Gott geführt wird; die Hingabe im Wirken hier auf Erden, das unerschütterliche Gottvertrauen בטחון in allen Ausstrahlungen. Aber wenn nieht#nehr, so doch zum mindesten in gleicher Weise führt das Sündenbewußtsein zu jenem Einswerden mit Gott, das der Psalmist in die Worte gefaßt: ״Wen habe ich sonst im Himmel, und neben Dir verlange ich nichts auf Erden.tt Denn, wie schon erwähnt: Wer im ungestörten und ungeschmälerten Besitze eines Gutes lebt, wird es nie so schätzen, wie der, der es eine Zeitlang entbehrt und Gefahr lief, es für immer zu verlieren. So ist die