Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 434 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292994--03733-2297013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 Das Sündenbewnßtsein. Ein Volk betrachtet seine ganze Geschichte unter dem Gesichtspunkt der Sünde. Während die Völker sonst nichts anderes kennen als ihre Vergangenheit zu verherrlichen, spricht es: wir und unsere Väter haben gesündigt. Und die Propheten, Psalmisten und Spruchdichter müssen ihre Tatkraft darauf verwenden, der Verzweiflung zu begegnen, unter der die von der Sündenlast der Vergangenheit Bedrückten schmachten und die ihnen das fröhliche Streben, ihr Geschick in die eigene Hand zu nehmen, zu rauben droht. Ein Führer des Volkes, wie R. Jochanan ben Sakkair nach einem Leben, das beispiellos ist in der Betätigung für die Gotteslehre und Gottesfurcht, der die Judenheit und das Judentum aus dem politischen Zusammenbruch gerettet, bricht auf seinem Sterbebett in Tränen aus und bangt vor dem Schicksalsspruch, der seiner vor Gottes Rieht er stuhl harrt. Es ist also nicht bloß der Gedanke an die einzelne Sünde, die den Juden das Gericht fürchten läßt, auch der Gesamt- Charakter des Menschen schützt nicht vor der Verurteilung,, wenigstens in der Vorstellung des wahrhaft Frommen. Es wird wohl unterschieden zwischen dem Ruchlosen, dem Nichtsnutzigen und dem Frommen, der einmal einer Versuchung erlegen ist. In der Davidsgeschichte folgen dicht aufeinander die Vergehen Davids, Ammons und Absaloms. Und der Chronist der heiligen Geschichte hat uns nicht im Zweifel gelassen, welcher Abstand zwischen David und diesen seinen Söhnen ist. Aber die Psalmen zeugen davon, wie schwer David selbst an seiner Schuld sein Leben lang trägt, wie das Sündenbewußtsein in ihm nicht erlöschen will. Aber eben dies Sündenbewußtsein hat ihn zu diesem heiligen Sänger gestempelt, dessen Bußpsalmen in der Literatur aller Religionen an Kraft und Innigkeit unerreichbar geblieben sind. Ursprünglichkeit und fortreißende Stärke der Religion wurzelt in der Empfindung, und Empfindung ist Bewegung. Und Bewegung ist Entwicklung. Und Entwicklung nur möglich durch die Erlebung des Gegensätzlichen. So wird letzten Endes das tiefste religiöse Empfinden nur erlebt durch