Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 432 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Das Sündenbewußtsein. Es ist ja so selbstverständlich, daß der Erlösungsglaube, man möchte fast sagen im Zentrum der jüdischen Gedankenwelt steht — erst die Polemik gegen das Christentum hat ihn etwas an die Peripherie gerückt —, da doch die Sünde und ihre Sühne eine so überragende Rolle bei uns spielt. Und das Sündenbewußtsein fordert als Korrelat die Gnade und die Erlösung. Denn bei der unendlichen Erhabenheit, mit der wir unseren Gott umkleiden, bedeutet jeder Ungehorsam ein todeswürdiges Majestäts verbrechen, jedes Verzeihen und jedeVergebung einen Ausfluß der reinen Gnade. Das Sündenbewußtsein, der Gedanke, daß man Schuld auf sich geladen habe und vor Gottes Richterstuhl nicht bestehen könne, wenn Er nicht Gnade walten lasse, nimmt aber in der Tat einen großen Raum in der jüdischen Gedanken- und Empfindungswelt ein. Zunächst wird es des öfteren in dürren Worten ausgesprochen: Es gibt keinen gerechten Menschen auf der Erde, der das Gute täte und nicht sündigte“. (Koh. 7, 20.) »Wie kann der Sterbliche vor Gott gerecht, wie kann rein dastehen der Erdensohn“. (Hiob 25, 4.) Mehr aber noch zeigen uns die biblischen Gestalten selbst, daß der Mensch nicht frei von Sünde ist. Kein einziger von den Heroen der Bibel ist fleckenlos. Und dort, wo es nicht ausdrücklich in der Bibel ausgesprochen ist, hat der Talmud es nicht verabsäumt, uns auf eine schwere Schuld aufmerksam zu machen. Das alles soll nicht nur der Illustration des Satzes dienen, daß jeder Mensch, auch der Höchststehende, der Sünde verfallen muß. Es soll zugleich uns nahelegen, welche Bedeutung der Sünde an sich im Haushalt der religiösen Betätigung und Entwicklung zukommt. Nicht nur in dem mehr äußerlichen Sinne, wie der Midrasch die an sich unbegreiflichen Sünden erklärt, daß das Geschlecht, das am Sinai Zeuge der Offenbarung war, der Sünde des goldenen Kalbes, daß der gottgeweihte heilige Sänger der Psalmen dem Ehebruch verfiel. Das mußte nach dem Midrasch in die Erscheinung treten, um den künftigen Geschlechtern zu zeigen, welche Macht die תשובה die Rückkehr