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Jeschurun · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 431 (sequence 5)
Language
German
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Das Sündenb ewnßts ein. 431 den Worten des Propheten zur angelernten Menschensatzung geworden sind. In Wirklichkeit ist im Judentum — was wir uns seihst, die wir das Judentum erleben, nicht zu bestätigen brauchen — der Glaube an die Gnade Gottes, die die Gerechtigkeit oft genug ablöst und ergänzt, durchaus lebendig: ״Dein, o Gott, ist die Gnade, wenn du auch einem jeden vergiltst nach seinem Werke“ (Ps. 62, 13), das ist das Motto, das im Judentum über allen Darstellungen vom Walten Gottes steht. Und es ist, wie so oft, nur die Übertreibung, die der Gnaden- und Erlösungsglaube im Christentum gefunden hat, daran Schuld, daß dieses den rechten Geist des Judentums nicht zu würdigen vermag. Weil es an der ursprünglichen Güte des Menschenherzens, an der Möglichkeit, die Gebote Gottes treulich zu erfüllen, verzweifelte, weil es den Sinn des Sündenfalls nicht richtig erfaßte als die gesetzte Möglichkeit der Sünde und ihn als eine Belastung des Menschengeschlechts mit der Verdammnis der Erbsünde und ihren untilgbaren Eolgen proklamierte, daher mußte der Erlösungsglaube eingeführt werden, um als deus ex machina die Schwierigkeiten zu lösen. Wenn dieser nachträglich von den modernen Theologen bis auf Tröltsch herab von allem wunderbaren und wunderlichen befreit wird, bis er zu dem natürlichen und menschlich verständlichen sich gestaltet, daß der Mensch nicht auf sein Verdienst pochen darf, weil auch der Beste vor der Majestät Gottes schuldig wird und nur die Liebe und Gnade Gottes es ist, die ihn aus den Banden der Schuld erlöst, so daß er wieder in ungetrübter Reinheit eins werden kann mit seinem Gotte, so bedeutet das eben nichts anders als eine Rückkehr zu dem Gnaden- und Erlösungsglauben des Judentums, eine Rückkehr, die sich ja auf allen Gebietender Christliehen Dogmatik vollzogen hat, am prägnantesten wohl in dem Bekenntniszu einem reineren Monotheismus in der Vermenschlichung des im orthodoxen Christentum noch als Gottheit verehrten christlichen Religionsstifters. Unsere christlichen liberalen Theologen sind — wenn auch nicht alle es Wort haben wollen — echte Arianer. 30*

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