Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 430 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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430 Das Sündenbewußtsein. führt dazu, daß wir manchen wertvollen Gutes verlustig gehen, wenigstens es nicht mit genügendem Nachdruck als unser Eigentum würdigen. Eine dieser allgemein behaupteten Gegensätzlichkeiten ist: das Judentum ist Gesetzesreligion, das Christentum Erlösungsreligion. Das Judentum charakterisiert das Streben nach Gerechtigkeit, das Christentum die Hoffnung auf Gnade. Das Christentum empfindet dies als den tiefsten Unterschied zwischen sich und dem Judentum. Es ist in diesem Zusammenhang hier nicht der Ort, weiter auszuführen, inwiefern der Anspruch des Christentums, Erlösungsreligion zu sein mit eigenartigen und für das unbefangene Denken und natürliche Empfinden unannehmbaren und unerträglichen Dogmen wie dem der Erbsünde und dem Erlösertod des christlichen Religionsstifters belastet ist. Wir wollen nur uns Rechenschaft darüber abgeben, wieweit diese Behauptung des Christentums und seine durch Jahrtausende sich erstreckende Beweisfiihrung auch auf die Selbstbeurteilung des Judentums nicht ihre Wirkung verfehlt hat. Wir haben vielleicht in Polemik gegen das Christentum den Erlösungsgedanken und den der Gnade zurücktreten lassen, wir haben — und das mit Recht — immer und immer wieder betont die ursprüngliche Reinheit der Menschenseele und die eigene Verantwortung für all ihr Tun und Lassen und haben jenem jeder Sünde gegenüber wirkenden Vergebungs- und Erlösungsakt die Anschauung gegenübergestellt, daß jedem Menschen vergolten wird nach seinem Tun. Die Gefahr, die hier in sich birgt, daß von seiten des Menschen, der seinen Pflichten Gott und den Mitmenschen gegenüber glaubt nachgekommen zu sein, nun das Moment der Gnade Gottes in den Hintergrund rückt, daß er aus der Betonung der Gerechtigkeit nun sich verführen läßt zur Selbstgerechtigkeit, ist nicht von der Hand zu weisen. Sie ist dort besonders groß, wo man den Zusammenhang mit dem tiefsten Urgrund des Judentums verloren hat, wo man geneigt ist, den Komplex der Pflichten äußerlich zu nehmen, weil die Gebote Gottes nach