Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292994--03728-2297008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6. Jahrgang Ellul-Thischri 5679 September-Oktober 1919 Heft 9/10 Das Siindenbewußtsein. Der Kampf und Streit, in dem die Religionen der Menschheit sich auseinandersetzten, haben oft dazu geführt, das Wesen jeder einzelnen zu entstellen. Mehr als irgendeine hat es das Christentum dem Judentum gegenüber verstanden, das letztere, dem es doch alle seine schöpferischen Ideen verdankt, in den Schatten zu stellen. Indem es eine Forderung, zu der sich auch das Judentum bekennt, in den Mittelpunkt rückt und ihren Ursprung verschweigt und verdunkelt, beraubt es das Judentum seiner Werte und vermag dann freilich triumphierend auf den Abstand zwischen sich und dem Judentum hinzuweisen. Das ist von verhältnismäßig geringer Bedeutung dort, wo das Judentum in ursprünglicher Kraft sich entfaltet und von der Beurteilung der Außenstehenden in seinem inneren Leben wenig berührt wird. Anders dort, wo durch die europäische Kultur, die eine christliche Kultur ist, auch das jüdische Bewußtsein ununterbrochen, wenn auch scheinbar unmerklich, beeinflußt wird. Zeuge, um nur eins herauszugreifen, Martin Buber und sein Kreis, die durchaus christlich orientiert sind und in dem Chassidismus die Rückkehr zum Urchristentum sehen1). Aber, wenn auch dem Grade nach verschieden, werden wir alle in unserem religiösen Denken und Empfinden, besonders wo es sich um feinere Nuancierungen handelt, abgelenkt. Ja, gerade die Polemik gegen das Andersgeartete, die Ablehnung des vom Christentum in den Vordergrund Gerückten, *) Vgl. auch den Aufsatz von Blau in diesem Heft. 30