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Jeschurun · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1919) · p. Seite 426

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1919)
Date
1919-07-01
Page
Seite 426 (sequence 104)
Language
German
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426 Oskar Baum: Die böse Unschuld. jüdischer Liebesromantik. Das Himmelhoeh-Jauchzende, bis zur Vergessenheit Trunkene, Tristanmäßige ist von Haus aus wenig jüdisch. Erst nimmt Isaak Kebekka zur Frau, dann erst liebt er sie, wie es in dem bekannten Schriftvers heißt. So ist es eigentlich auch in diesem Homan. Die beiden Liebenden haben sich soeben versprochen, sind selig in ihrem Bekenntnis, aber doch ist es kein Sinnestaumel, sondern tags darauf besprechen sie mit dem sofort in Kenntnis gesetzten Vater der Braut alles Praktische über Beruf und Zukunft. Und noch eins: Die. seelische Substanz dieses Helden ist jüdischer Herkunffc, die Art, wie Julius sich dem Konflikt zwischen Pflicht und Konvenienz entzieht oder vielmehr nicht entzieht, wie er aus Mitleid all das Gerede der lieben Mitmenschen auf sich nimmt, nur um dem in schändenden Verdacht geratenem Mädchen nicht noch mehr weh zu tun, aus dem Gefühl heraus: Wie leicht hätte das, was die Leute reden, wahr sein können, wie nahe stand ich daran, das Mädchen, mit dem ich vertraut umging, wirklich zu Falle zu bringen, wie er aus diesem Gefühle der Gedankenschuld heraus zu allen Verleumdungen lange schweigt — das ist u.E.der Standpunkt des Juden, der sich immer in die Lage des andern versetzt, der namentlich in Beurteilung ehelicher Beziehungen so mimosenhaft feinfühlig ist, das ist instinktiv jüdisch empfunden. Um nun auf die Nebenpersonen zu sprechen zu kommen, diese sind sämtlich vorzüglich getroffene böhmisch-jüdische Kleinstadttypen. Hier ist jene eigenartige Mischkultur jüdisch-slawisch-deutscher Provenienz (es spielt in einem Städtchen nahe bei Prag) ebenso neu wie packend und wahr geschildert. Hier ist eine Welt mit einem gesonderten Dasein dichterisch feinfühlend geschildert, mit ihrem spezifischjüdischen Kleinstadtklatsch, mit ihren kleinen Freuden und Hoffnungen; da ist der jüdische Kaffeehausbesucher, der Stammgast mit all seinen Gewohnheiten und Menschlichkeiten, darunter echte Genrebilder. Da ist die jüdische ״Gänslerin“ voll saftiger Frische, ebenfalls genrehaft, ohne Ubertriebenheit; das ganze Milieu mit allen Nebenpersonen (bis auf das oben skizzierte Liebespaar) bewegt sich, lacht, leidet und denkt in ihnen eigenartigen jüdischen Daseins- und Ausdrucksformen. Wie lebens-

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